Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

… wie auch wir vergeben haben!

Monika Lipsewers ist Sekretärin für die Priesterfortbildung und für den pastoralen Prozess „Perspektive 2014“.

Vergebung unter Menschen ist Bedingung und Folge der Vergebung durch Gott. 

von Monika Lipsewers 

Das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes ausgerechnet am 11. September zu lesen, verlangt mir einiges ab. Dieses Datum steht für Mord, ungerechtes Leid, sinnlose Zerstörung durch den terroristischen Anschlag auf die beiden Türme des World Trade Center in New York im Jahre 2001. Durch die Tötung Osama Bin Ladens in diesem Jahr scheint die Ursache jenes Unheils vernichtet zu sein, ein Teil des Vergehens gerächt.

Wie gehe ich als Christ mit den Ereignissen um? Hat Gott Erbarmen mit denen, die anderen Menschen so schweren Schaden zufügen? Im heutigen Evangelium hören wir von der Antwort Jesu an Petrus: „Siebenundsiebzigmal“ soll er vergeben, das heißt in der Zahlensymbolik (Sieben ist die Zahl der Fülle.): „Immer“. Vielleicht rührt sich Widerstand. Es geschah doch unendliches Leid in New York. Ja! Das ist nicht wegzureden. Aber …

Matthäus legt uns Jesu Gleichnis vor: Dem ersten Schuldner, der seinen Herrn um Gnade bittet, wird eine unvorstellbar große und alle realen Verhältnisse übersteigende Schuldsumme (10000 Talente entsprechen 100 Millionen Denare) erlassen in der Hoffnung, dass auch er an seinem säumigen Mitknecht so barmherzig handelt.

Schon das Alte Testament kennt die Wechselwirkung: Von der Vergebung unter Mitmenschen hin zur Vergebung durch Gott und umgekehrt. (Sir 28, 1-7) In der ersten Lesung hören wir davon. Und lauschen Sie dem Antwortpsalm nach der ersten Lesung: Da ist die Rede davon, dass Gott „an uns nicht nach unsern Sünden handelt und uns nicht nach unserer Schuld vergilt“ (Ps 103,10). Im Kehrvers heißt es „Gnädig und barmherzig ist der Herr, voll Langmut und reich an Güte“. Der Psalmist weiß um den Maßstab, den Gott setzt.

Gott handelt an uns barmherzig aus absoluter Freiheit. Nichts kann ihn beeinflussen oder hindern. Weil wir Geliebte und Erwählte Gottes sind, gibt es für uns keine andere Wahl, als uns mit Erbarmen zu bekleiden (vgl. Kol 3,12). Die Forderungen gehen noch weiter: Wenn dein Bruder etwas gegen dich hat, dann geh, versöhne dich zuerst, dann komm und opfere deine Gabe (vgl. Mt 5,23). Und: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13). Wahrer Gottes-Dienst setzt Versöhnung voraus und verlangt gütiges Handeln als Konsequenz.

Barmherzigkeit ist eine Ausdrucksform der Nächstenliebe. Im Zusammenleben der Menschen gibt es keinen anderen Weg zu einem guten Miteinander. Nur im Vergeben finden wir den inneren und äußeren Frieden. Nur das Loslassen alter, erlittener Schuld lässt uns aufleben und frei werden.

Wenn wir ehrlich in uns selbst hineinschauen, entdecken wir, dass auch wir immer wieder der Barmherzigkeit Gottes und der Mitmenschen bedürfen. Haben wir den Mut, unseren Nächsten um Erbarmen zu bitten, uns vor Gott zu stellen? In der persönlichen Zwiesprache mit Gott kann der Wille zur Barmherzigkeit mit unseren Nächsten keimen und wachsen. Wenn wir uns von Gott in Liebe anschauen lassen, wird unser Herz erweichen. 

Im Althochdeutschen bedeutete „sich erbarmen“: von Not befreien. Von Gott erhoffen wir, von der Not als Schuldner befreit zu werden. Das Bußsakrament kann da Wege ebnen. Wie sehr kann uns Freude erfüllen, wenn wir Vergebung oder Schuldenerlass erfahren oder auch wenn wir fähig sind, das anderen zuteilwerden zu lassen. Haben Sie heute schon verziehen? Es wartet eine Freude auf Sie!

 

 


24.05.2012
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