Werdet nicht geistlich bequem!

Gedanken zu Mt 25,1-13

Das Gebet als „Öl“ erschließt den Zugang zur Teilnahme am ewigen Hochzeitsmahl.

bhupendraisingh/ pixabay

 

von Liudger Gottschlich

Zugegeben: Das Gleichnis vom Himmelreich weist in die Zukunft auf Christi Ankunft am letzten Tag. Nur ist das Himmelreich nichts, auf das wir warten müssten. Es ist schon da. Hier und jetzt. Auf dieser Erde. Es ist nicht das Leben nach dem Tod. Es meint die erfahrbare, helfende Gegenwart Gottes, die hier bereits unser ganzes Leben prägen will. Deshalb muss das Gleichnis auch auf die Gegenwart hin gelesen werden und es stellt sich die Frage, was mit dem „Öl“ gemeint ist, das wir unbedingt zum Eintritt brauchen.

Seit 30 Jahren begegnet mir beim Beichtehören ständig dasselbe Phänomen: Mit dem Empfinden, es sei nur eine Kleinigkeit, sagen viele, dass sie kaum oder gar nicht beten. Dabei eröffnet mir erst das regelmäßige Gebet überhaupt eine Beziehung zu Gott. Wenn ich nicht mit ihm rede, lebe ich nicht mit und in ihm. Dann kann er mein Leben nicht prägen und ich sündige mehr. Das Gebet ist jenes „Öl“, das die Tür zum Gottesreich öffnet. Wie Lampenöl vertreibt es Finsternis in der Seele; macht es Dunkelheit hell. Es beleuchtet den Weg. Es lässt mich den Bräutigam Christus erkennen, wenn er mir hier begegnet. Im Gleichnis beten also 50 Prozent der Leute, 50 Prozent nicht.

Paradiesische Zustände, verglichen mit der Situation heute. Eine gründliche Umfrage hat zutage gebracht, dass in Deutschland nur 7 Prozent der Katholiken beten, 93 Prozent nicht. Erklärt das nicht manches in unserer Kirche? Wie will ich eine Gottesbeziehung leben, ohne Gebet? Wie will ich Nächstenliebe leben, ohne Beziehung zu Gott? Wie will ich angstfrei auf der Erde leben, wenn ich nicht schon im Reich Gottes bin? Diese Fragen stellt das Gleichnis für unsere konkrete Gegenwart.

Das ist unbequem, weil es die Ernsthaftigkeit meines Glaubens entlarvt. Deshalb führen viele Ausleger das Gleichnis auf Nebenkriegsschauplätze. Etwa auf Überlegungen, wie diese Hochzeit damals wohl abgelaufen ist. Das ist in etwa so intelligent wie der Versuch, aus der Aussage: Ich fuhr von A nach B und habe mein Ziel erreicht, die Route zu rekon­struieren. Oder man regt sich über die geschlossene Tür auf, weil die ja scheinbar nicht zur Barmherzigkeit Gottes passt. Am Eigentlichen drückt man sich so vorbei. Jesus formuliert oft hart und scharf, um die Aufmerksamkeit auf das Entscheidende zu richten. Und das ist hier die Mahnung, dass nur in Gemeinschaft mit ihm gelangt, wer „Öl“ hat. Wer betet. Wem er so wichtig ist, dass er täglich mit ihm spricht. Allein die Taufe hilft nicht. Wer nicht betet, findet nicht die Tür zum Himmelreich. Der bleibt unbeteiligter Zuschauer und kostet nicht den Vorgeschmack des Himmels.

Deshalb: Sei wachsam! Lass das Öl nicht ausgehen – hör nicht auf mit dem Gebet! Werde nicht geistlich bequem! Diese Gefahr ist in allen Religionen groß. Ein Zeitgenosse Jesu, Rabbi Joachanan, deutet den Vers Kohelets „Deinem Haupt mangele es nicht an Öl“ (9,8) mit diesem Gleichnis:

Ein König lud seine Knechte zum Mahl ein, legte aber keine Zeit fest. Die Klugen schmückten sich sofort und setzten sich an das Palasttor. Sie sagten: Es mangelt an nichts im Palast; das Fest kann jederzeit beginnen. Die Toren aber gingen an ihre Arbeit und sagten: Kein Fest ohne lange Vorbereitung. Plötzlich bat sie der König alle herein. Die Klugen traten geschmückt vor. Die Toren traten beschmutzt vor. Da freute sich der König über die Klugen und war zornig auf die Toren. Er sagte: Diejenigen, die geschmückt und gesalbt sind, sollen sitzen, essen und trinken. Die anderen aber sollen stehenbleiben und zusehen.

Zum Autor:Liudger Gottschlich ist Pastor im Pastoralverbund Dortmund-­Mitte-Ost.

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