Vom Risiko des Gottvertrauens

Gedanken zu Lk 19,28-40

Mutig oder leichtsinnig? Foto: Daniel Stricker/pixelio

 

Besonders in der Leiderfahrung wird unser Gottvertrauen auf die Probe gestellt.

von Wolfgang Dembski

„Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Ein Sprichwort. Und tatsächlich ist es so: Wer eine gefährliche Bergtour macht, muss damit rechnen, abzustürzen. Er war leichtsinnig, sagt man dann. War Jesus leichtsinnig, als er nach Jerusalem ging? Er muss doch wissen, dass für ihn das Betreten dieser Stadt höchst riskant ist. Hier warten seine Feinde nur darauf, dass sie diesen für sie gefährlichen charismatischen Gotteslästerer aus dem Weg schaffen können. Zwar haben ihn einige begeisterte Anhänger als den erwarteten Messiaskönig begrüßt. Aber die aufgehetzte Masse will, dass er am Kreuz endet. Noch hätte er jetzt die Gelegenheit umzukehren, sich zu verstecken oder eine bewaffnete Schutz­truppe zu organisieren. Nein, Jesus zieht mit seinen Freunden in die Stadt ein. Warum begibt er sich so offensichtlich in Gefahr? Ich vermute, weil er ein grenzenloses Vertrauen hat, Vertrauen auf Gott, seinen Vater. Jesus weiß ja, wer auf Gott vertraut, wird niemals scheitern, wird letztlich immer der Stärkere sein.

Und dann kam die Katastrophe. Jesus wird verhaftet, verprügelt, gefoltert und ans Kreuz gehängt. Wo ist jetzt Gott? Die Leute spotten: „Der hat doch auf Gott vertraut, der soll ihn jetzt retten“. Aber nichts geschieht. Auch seine Jünger haben ihn im Stich gelassen. Sie sind wohl schon enttäuscht und deprimiert auf dem Weg nach Hause, vielleicht mit dem Gedanken: Das kommt davon, wenn man sich auf so ein Abenteuer einlässt!

Wir wissen nicht, was in Jesus in diesen bitteren Stunden vor sich ging, was er gedacht und gefühlt hat. Aber wir wissen es von Menschen in vergleichbaren Situationen, vielleicht sogar von uns selbst. Da sagt ein Mann: „Ich habe immer fest auf Gott vertraut und mich auf seine Hilfe verlassen. Aber jetzt, wo meine Frau so schwer krank ist, kommen mir Zweifel. Wie oft habe ich schon gebetet: Lass sie nicht so leiden, hilf ihr!, aber nichts geschieht.“ Eine Frau: „Ich dachte immer, dass mich nichts aus der Bahn werfen kann, weil ich mich von Gott beschützt und geleitet fühlte. Aber meine Depression wird immer schlimmer; in mir ist alles dunkel, und ich habe meine Freude am Leben verloren. Wo bleibt jetzt Gott, wa­rum hilft er mir nicht?“

Ob Jesus auch so verzweifelt war? Er schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wer so etwas herausschreit, ist tatsächlich ganz unten und total am Ende. Aber dieser verzweifelte Schrei ist zugleich auch ein Gebet. Trotz allem hält Jesus an seinem Glauben fest, dass sein Vater da ist, dass er, auch wenn er sich nicht zeigt, den Schrei seines Sohnes hört und dass er handeln wird. Und so kann Jesus zuallerletzt doch noch sagen: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Er weiß, dass diese Hände barmherzig sind und stark, so stark, dass sie sogar Menschen aus dem Tod herausholen können.

Solch ein Gottvertrauen fällt vielen Menschen schwer. Sie scheuen das Risiko. Sie halten es für zu gefährlich, ihr Leben ganz und gar Gott anzuvertrauen. Was ist, wenn Gott mir nicht hilft? Was ist, wenn Schmerzen und Verzweiflung meinen Glauben auslöschen?

Vor uns liegt der Karfreitag. Er könnte für uns Gelegenheit zu einer Glaubensprobe sein. Wenn wir dann zur Zeit der Sterbestunde Jesu die Liturgie feiern und die Leidensgeschichte hören und uns einfühlen in die Not des Gekreuzigten, in seine Demütigung, seine Schmerzen, in sein Gefühl der Gottverlassenheit, ja auch in seine an Verzweiflung grenzende innere Qual, wenn wir dann aber auch sagen können: Was mir auch immer geschehen mag: Vater, in deine Hände lege ich mein Leben und Sterben – dann können wir mit besonderer Freude das Osterfest feiern.

Zum Autor: Pfarrer i. R. Wolfgang Dembski war Pfarrer in Dortmund-­Brünninghausen.

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