Kirche mitten im Szenekiez

Mit der Diaspora-Aktion 2019 unterstützt das Bonifatiuswerk auch die Arbeit in Berlin-Kreuzberg

Das Arztmobil der Caritas Berlin unterstützt unter anderem Menschen in der katholischen Gemeinden St. Marien Liebfrauen. Foto Caritas Berlin

 

Berlin. Ein paar Häuser weiter verkauft ein Laden Hängematten, gegenüber ist ein türkischer Supermarkt. Döner Kebap bekommt man hier an jeder Straßenecke, und auch arabische Barbiere haben in der Nachbarschaft ihre Läden aufgemacht. Die katholische Kirche St. Marien Liebfrauen liegt im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Mitten in einem brodelnden, multikulturellen Szenekiez. In Sichtweite der aufgestelzten Hochbahn, auf der die aus unzähligen Fernsehaufnahmen und dem gleichnamigen Musical bekannte U-Bahn-Linie 1 verkehrt. Und auch nicht weit weg vom Görlitzer Park, einem Zentrum des Drogenhandels in der Bundeshauptstadt.

6 000 Gemeindemitglieder versuchen hier, ihren katholischen Glauben zu leben. „Wir haben jährlich etwa 1 000 Zuzüge und gut 1 000 Wegzüge“, sagt Pfarrer Michael Wiesböck. „Die Gemeinde erneuert sich also etwa alle sechs Jahre.“ Laut Kartei ist St. Marien Liebfrauen eine sehr junge Gemeinde. Studenten, junge Paare, Menschen, die zum Beispiel auf dem Mediaspree-­Gelände ganz in der Nähe arbeiten. In der Sonntagsmesse sitzen dennoch eher ältere Semester.

„Aber die jungen Menschen lassen sich auch dann und wann blicken, öfter als in anderen Gemeinden“, sagt Wiesböck. Bedeutet das junge Alter der Gemeinde, dass auch mehr Menschen katholisch heiraten? „Sagen wir es mal so: Ich schreibe viele Entlassscheine“, sagt Wiesböck. Wer sich kirchlich trauen lässt, geht eben lieber in die Dorfkirche in der bayerischen oder rheinischen Heimat als in eine Großstadtkirche in Berlin.

Erbaut wurde die St.-Marien-­Liebfrauen-Kirche 1905. Etwas zurückgesetzt vom Gehsteig, steht sie zwischen Mietshäusern. Doch schon in den 1890er-Jahren trafen sich hier Katholiken zu Gebeten: Die Kirche liegt in der Nähe des früheren Schlesischen Bahnhofes. Hier fuhren einst die Züge nach Breslau, Krakau und ins Riesengebirge ab. Hier kamen auch viele junge Abenteuerlustige das erste Mal in der großen Metropole Berlin an: Menschen auf der Suche nach einer Anstellung als Fa­brikarbeiter, Dienstmädchen, Kellner oder Amme. In der Nähe des Bahnhofes ließen sie sich nieder. Und weil Schlesien im Unterschied zum übrigen Preußen katholisch geprägt war, kamen so auch viele Katholiken nach Berlin. Heute sind es andere Menschen, die aus Polen nach Berlin kommen: Studenten, erfolgreiche Geschäftsleute, Handwerker. Aber auch jene, die so wie damals nach dem großen Glück suchen, dabei aber scheitern.

Manche von ihnen trifft Pfarrer Wiesböck am Mittwochnachmittag in seinem Gemeindesaal. In dem ganz in Gelb gestrichenen Raum mit dem typischen Mobiliar der Achtzigerjahre findet an jedem Mittwoch ein Mittwochs­café statt. Menschen mit wenig Geld oder ohne Obdach erhalten hier eine Tasse Kaffee oder Tee, ein belegtes Brötchen oder auch mal eine warme Suppe. „Im Winter bieten wir hier eine Notübernachtung für bis zu zwölf Männer an“, sagt Wiesböck. Und von Montag auf Dienstag gibt es auch im Sommer ein Nacht­café.

„Es ist für Wohnungslose schließlich keineswegs einfacher, in der Großstadt zu überleben, nur weil es draußen warm und sommerlich ist“, sagt Wiesböck. Doch der eine oder andere habe durch die Arbeit der Gemeinde Vertrauen geschöpft und Hilfe angenommen. „Wir sind ja hier kein Massenbetrieb“, meint der Pfarrer. „Gerade in der Kältehilfe im Winter, wenn die Menschen an jedem Abend kommen, wächst man zusammen und findet ein enges Verhältnis zueinander – das macht es möglich, dass Menschen bereit sind, auch längerfristige Hilfe anzunehmen.“

Zur Kirchengemeinde kommen häufig Menschen, die durch alle sozialen Netze gefallen sind. Oft hätten sie multiple Probleme, sagt der Pfarrer. Neben der Wohnungslosigkeit spiele häufig der Alkohol eine verhängnisvolle Rolle im Leben der Menschen, dazu gebe es psychische Erkrankungen. Die Gemeinde allerdings habe gelernt, damit umzugehen. „Wenn wir in der Messe singen, kann es passieren, dass jemand im Gang steht, herumläuft und dabei dirigiert“, sagt Wiesböck. In anderen Gemeinden würde so etwas wohl für Aufsehen sorgen, in Kreuzberg sei das zwar nicht normal, aber man habe sich daran gewöhnt. „Die Gemeinde geht mit so etwas sehr sensibel, sehr geduldig um“, so Wiesböck. „Die Menschen wissen: Jeder ist willkommen, und wir schließen hier niemanden aus.“

Das wissen auch die Ehrenamtlichen im Mittwochscafé. Hans-Dieter Gillert zum Beispiel. Der 70-Jährige arbeitete viele Jahre in einer benachbarten Schule in der Küche, teilte dort das Essen an die Schüler aus.

Was übrig blieb, brachte er zur katholischen Gemeinde, wo sich nicht nur die Menschen im Mittwochscafé, sondern auch der kleine dort ansässige Konvent der Mutter-­Teresa-Schwestern über die Spenden freute. „So habe ich das hier damals mal kennengelernt“, sagt Gillert, während er einem Gast des Mittwochs­cafés eine Tasse Kaffee einschenkt. Heute ist er fast jede Woche im Mittwochscafé engagiert. Essen ausgeben, Brote schmieren, „mit Schmalz und Marmelade“, beschreibt er seine Tätigkeit. Und immer ein offenes Ohr haben für die Sorgen und Nöte der Menschen.

„Ich frage sie, wie es mit einer neuen Wohnung steht“, sagt Gillert. „Ich rede mit den Menschen.“ Und auch wenn das längst nicht bei allen der Fall ist: „Bei manchen, die hier regelmäßig herkommen, sieht man irgendwann, wie es wieder aufwärtsgeht.“ Ein besonderer Anlass, in die katholische Gemeinde zu kommen, ist für viele Bedürftige das Arztmobil der Berliner Caritas. Seine Mitarbeiter betreuen Menschen, die nicht mehr krankenversichert sind. Sie helfen bei der Gemeinde, wo sie nicht nur offene Wunden versorgen, verteilen Medizin, stellen Diagnosen und bringen Menschen auch schon einmal in ein Krankenhaus.

„Für die Menschen im Mittwochscafé ist das ein wichtiger Grund, hierherzukommen“, sagt die 62-jährige Regina Hoffmann, die zusammen mit Gillert die Gäste betreut. Sie selbst war einmal heroinabhängig, durch eine Glaubenserfahrung sei sie von der Sucht frei geworden, berichtet Hoffmann. Eigentlich war sie einmal Bankkauffrau, doch heute bekommt sie schon seit vielen Jahren Hartz IV. Warum sie sich im Mittwochscafé engagiert? „Ich möchte abends im Bett das Gefühl haben, etwas Sinnvolles an diesem Tag getan zu haben“, sagt Hoffmann. „Und den Armen zu helfen, sie zu unterstützen – das ist doch auch ein lebendiges Zeugnis für meinen Glauben an Christus.“

Im Mittwochscafé könne sie mit den Menschen darüber sprechen – „aber hier geht es um jedes kleine Zeichen, jede Bitte, jede freundliche Geste“, betont Hoffmann. „Wir können hier die Liebe Jesu dort hinbringen, wo eigentlich finstere Dunkelheit herrscht.“

Damit so etwas auch weiter klappt, hofft Pfarrer Wiesböck auf die Unterstützung des katholischen Bonifatiuswerkes. „Wir wollen unseren Gemeindesaal neu streichen und auch die Küche dort modernisieren“, sagt Wiesböck. „Die Theke, die wir dort haben, ist einfach abgewirtschaftet, hier muss etwas Neues her.“ Zumal der Saal nicht nur dem Mittwochscafé dient: Hier treffen sich auch am Sonntag nach der Messe die Kirchgänger zu einer Tasse Kaffee. Und wenn die Gemeinde die Nachbarn dazu bringen will, am nächsten Sonntag wiederzukommen, dann sollten auch die Gemeinderäume einladend gestaltet sein. Denn die Gemeinde mitten in Berlin steht schließlich vor vielen Herausforderungen. „Unsere Kernfrage ist doch: Wie können wir uns zu den Menschen begeben, die da sind, die vielleicht für uns ansprechbar sind – wie können wir auf sie zugehen, ohne dass sie zurückschrecken?“, erläutert der Pfarrer. „Und wie können wir bei unserem sozialen Engagement das rechte Maß finden zwischen dem, was eigentlich der Berliner Senat machen muss, und dem, was wir als Gemeinde machen können und sollten?“ Doch mit der Unterstützung des Bonifatiuswerkes will sich die Gemeinde diesen Herausforderungen auch weiterhin stellen.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-­Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ möchte das Bonifatiuswerk zum Ausdruck bringen, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubens­zeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist, so wie wir es in der Pfarrei St. Marien Liebfrauen in Berlin-Kreuzberg erleben können“, so der General­sekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen.

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