Gott auf dem Lebensweg begegnen

Gedanken zu Lk 12,13-21

Gott handelt an uns Menschen auf unserem Weg. Foto: Yang Jing/unsplash

 

Gott hat sich in seinem Sohn auf den Weg zu uns gemacht, um zu retten und zu heilen.

von Christian Städter

Der Weg ist sicherlich eines der ältesten Bilder für unseren Glauben. Schon im Neuen Testament werden die Christen als die Anhänger des Weges Jesu bezeichnet. Mit dem Bild des Weges assoziieren wir sofort Bewegung. Der Mensch, der einen Weg gehen möchte, muss sich in Bewegung setzen und in Bewegung bleiben. Der Mensch dagegen, der sein Ziel bereits erreicht hat, bewegt sich nicht mehr. Er bleibt stehen oder setzt sich.
Das Evangelium, das wir an diesem Sonntag in unseren Gottesdiensten hören, beginnt mit dem Hinweis, dass Jesus selbst auf dem Weg ist. Und er trifft auf seinem Weg nach Jerusalem auf zehn Personen, die in ihrer Bewegungs­freiheit eingeschränkt sind. Ihr Lebensweg steckt gleichsam fest. Welches Lebensziel wollen diese zehn Aussätzigen noch erreichen? Vom sozialen Leben sind sie ausgeschlossen. Sie müssen Abstand halten zu allen anderen Menschen. Selbst ihre Familien sehen sie, wenn überhaupt, nur aus der Ferne. Die Ansteckungsgefahr ist zu hoch. Auch vom religiösen Leben sind sie ausgeschlossen. Sie können nicht einfach in die örtliche Synagoge gehen oder zum Tempel nach Jerusalem pilgern, um Gott dort um Heilung zu bitten. Wie mag es Menschen gehen, die so auf Distanz gehalten werden? Sicherlich kommt in ihnen die Frage hoch: „Ist selbst Gott mir fern? Geht auch Gott zu mir auf Distanz?“ Der Lebensweg der zehn Aussätzigen scheint einen Punkt erreicht zu haben, an dem es nicht mehr weitergeht.

Aber da die zehn Aussätzigen nicht in die Synagoge oder in den Tempel gehen können, kommt Gott selbst zu ihnen, um ihnen zu begegnen. Der Weg Jesu kreuzt ihren Aufenthaltsort. Die zehn Aussätzigen sehen Jesus, aber sie müssen natürlich auch zu ihm auf Distanz bleiben. Jesus und die Aussätzigen sehen sich nur von Weitem. Doch die Aussätzigen überwinden diese Distanz durch ihren Schrei: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Ihre ganze Krankheit ist im letzten ein Schrei, aber die Menschen, die sie aus der Ferne sehen, scheinen diesen Schrei schon nicht mehr zu hören. So gleicht ihr Schrei, mit dem sie sich Jesus bemerkbar machen, einem verzweifelten Gebet: Gott soll sich zu ihnen hinüberbeugen, um sie zu berühren und zu heilen, das ist ihre Bitte.
Wenn wir Eucharistie feiern, beginnen wir unseren Gottesdienst ebenfalls mit solch einem Gebet: „Herr, erbarme dich!“ Wir beten am Beginn jeder Eucharistiefeier darum, dass Gott sich über die Distanz zwischen ihm und uns hinweg zu uns hinüberbeugen und uns entgegenkommen möge.

Und dann, am Ende des Evangeliums, fächert sich die Gruppe der Aussätzigen, die bisher kompakt zusammen­stand, auf. Neun von ihnen wollen nach ihrer Heilung so schnell wie möglich wieder zurück zu ihren Familien und Freunden. Sie wollen einfach ihr altes Leben wiederhaben, sich wieder auf den Lebensweg machen. Die Sehnsucht nach Normalität lässt sie den Dank vergessen. Wer kann es ihnen verübeln?
Einer aber kehrt zurück, um zu danken. Und er, der noch einmal zurückkehrt, ist der Einzige, der Jesus nicht nur aus der Ferne, sondern auch von Nahem sehen wird. Für ihn ereignet sich an diesem Tag nicht nur Heilung, sondern auch unmittelbare Begegnung mit Gott selbst. Die Dankbarkeit ist die Tür, durch die er hindurchgeht, um Gott zu begegnen. So macht der Geheilte, der zurückkehrt, um zu danken, eine ganz grundlegende Erfahrung: Gott handelt an mir, aber erst wenn ich in Dankbarkeit auf ihn zugehe, kann ich ihn erkennen und ihm begegnen.

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