„Die Mutter aller Veränderungen“

Ehrenamtstag für Aktive in der Flüchtlingshilfe: Erzbischof Becker dankt für Engagement

Auch die Podiumsteilnehmer hörten aufmerksam zu, als Hasan (l.) von seiner Flucht und seinem Leben vor dem Krieg berichtete. Foto: Steinhofer

 

Dortmund/Erzbistum. „Ich bin nicht der Auffassung, Migration ist die Mutter aller Probleme.“ Für diese klare Stellungnahme bekam Erzbischof Hans-Josef Becker während der Begrüßung zum Ehrenamtstag für Aktive in der Flüchtlingshilfe seinen ersten Applaus. Auch er habe „keine Patentrezepte, wie man mit flüchtenden Menschen umgehen soll“, aber „für uns ist entscheidend, dass es Menschen sind“, sagte er vor rund 140 Zuhörern im Katholischen Centrum.

von Meinolf Steinhofer

Hoch konzentriert und auffallend unaufgeregt folgten die Gäste den Rednern. Pater Christian Herwartz, Arbeiterpriester und Jesuit, berichtete anhand seines Lebensweges von „der Entdeckung der Anderen“.

In seiner Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg hat er unter anderem mit Personen zusammengelebt, die untergetaucht waren: „Jeder hat etwas mitgebracht – jeder hatte seine Not.“ Er verwies darauf, dass viele Migranten aus den ehemaligen Kolonien kommen. Und: „Afrika macht es uns ja vor, wie viel Flüchtlinge aufgenommen werden können.“ Den Übergang zur Podiumsdiskussion gestaltete der Kabarettist und „Landsatiriker“ Udo Reineke. In seinem Zwischenruf definierte er das Wort „Schützenfest“ neu: „sich zuziehen mit Zugezogenen“. Anne Bartholome, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der CKD, eröffnete das Gespräch.

Sie berichtete, dass sich die Schwerpunkte von der Akut­hilfe zur Wohnungs- und Arbeitssuche verschoben haben. Dabei sind nun die Rahmenbedingungen und die Stimmung schlechter. „Das macht den Ehrenamtlichen zu schaffen“, so ihre Erfahrung. Hasan, vor rund drei Jahren eingereist und inzwischen Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr, erzählte von seinem Leben vor dem Krieg, seiner Flucht und von denen, die ihm hier in Deutschland geholfen haben.

Er hatte in Syrien ein eigenes Geschäft und studierte. Er habe sich für die Flucht entschieden, „damit ich leben kann“. Hans-Josef Vogel, Regierungspräsident in Arnsberg, gab zu, dass der Zuzug von Flüchtlingen Fragen aufwerfe, zum Beispiel diese: „Sind wir richtig organisiert?“ Er habe es mit Gesetzen zu tun, die schwer oder sogar gar nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das eine Ziel laute „Integration“, das andere Ziel „abschrecken“. Er erinnerte die Zuhörer daran, dass sie Mitglieder der Kirche seien „und auch Bürger“. Und „da sind wir manchmal zu leise“.

Dr. Thomas Witt, Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen, wurde daraufhin von der Moderatorin Jutta Loke die Frage vorgelegt: „Wie kann man Vereinfacherern begegnen?“ Denn diese Haltung hätte es ja viel leichter. „Es braucht viel Ausdauer“, so die Antwort des Domkapitulars. Auf die Nachfrage, was man denn konkret tun könne, meinte er „Begegnung herstellen – dort, wo man sich auf Begegnung einlässt, da ändert sich der Blickwinkel“.

Eine Erfahrung, die wohl auch von Dechant Klaus Fussy von der Gemeinschaft Sant

Egidio bestätigt werden könnte. Ihm macht der Stimmungsumschwung in der Gesellschaft Sorge.

Der Politiker Hans-Josef Vogel griff diese Beobachtung in der Schlussrunde noch mal auf und appellierte an die Ehrenamtlichen: „Lassen Sie sich nicht irritieren!“ Und der Kabarettist Reineke brachte es zum Schluss auf den Punkt: „Die Migration ist die Mutter aller Veränderungen!“ In mehreren Workshops ging es am Nachmittag unter anderem um die „Integration Geflüchteter in Arbeit und Ausbildung“, eine „Traumasensible Haltung in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe“, um Fragen des Asylrechts sowie um besonders positive Beispiele ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit.

Dazu stellten Brigitte und Alfons Goris das ökumenische Café International in Kreuztal vor. Zweimal im Monat treffen sich dort überwiegend Flüchtlingsfamilien zum Austausch untereinander sowie mit den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

Zum Abschluss des Tages feierte Erzbischof Becker mit den Teilnehmern und weiteren Besuchern einen Gottesdienst in der Propsteikirche. „Wir beten auch für eine gerechtere Ordnung dieser Welt, die wir nur erreichen werden, wenn wir lernen umzukehren, zu teilen und von unserem Wohlstand abzugeben“, sagte er in seiner Predigt.

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