Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie eine Gemeinde die pfarrerlose Zeit erlebt

Zwischen Stillstand und Aufbruch

Wohin wird der Weg führen? Nachdem der Pfarrer in Budenheim bei Mainz gegangen war, hat sich das Gemeindeleben auf Eigen­initiative bewährt.Foto: Kinnen

Budenheim. Und plötzlich war der Pfarrer weg. Als der Generalvikar zum Wochenendgottesdienst vor die Gemeinde trat und verkündete, dass der Pfarrer sich entschlossen habe, die Gemeinde zu verlassen, weil er heiraten wolle, da kam das für die meisten Gottesdienstbesucher wohl überraschend. „Viele in unserer Gemeinde hatten jedoch gespürt, dass der Pfarrer mit seinem Herzen nicht angekommen war“, sagt Gemeindereferentin Dunja Puschmann. So war dieser Schritt nach nur einem knappen Jahr, die er in der Gemeinde war, konsequent.


von Michael Kinnen

Die Pfarrei St. Pankratius in Budenheim ist eine lebendige Gemeinde mit vielen Gruppen und Initiativen, eine traditionelle Dorfgemeinde in der Nähe der Bistumsstadt Mainz. Als der Pfarrer ging, stand gerade die Firmung an. „Wir haben das dann weitergemacht und so gut es ging, vorbereitet ohne Pfarrer“, berichtet Stephan Hinz, ehrenamtlicher Helfer, Firmkatechet und auch sonst aktiv in der Pfarrei. „Die Jugendlichen haben einen Ansprechpartner gebraucht, einen, auf den sie sich verlassen können, und da war Stephan gefragt“, sagt seine Frau, Martina Hinz. Orientierung und Verlässlichkeit, ob vom Pfarrer oder von einem Ehrenamtlichen: Es ist wichtig, dass jemand da ist. In Budenheim haben das die Gemeindemitglieder zunächst aus der Not heraus gelöst. Aber das Ergebnis war dann alles andere als nur eine Notlösung. Stephan Hinz kam bei den Jugendlichen gut an, war Identifikationsperson und Ansprechpartner, Freund und Gefährte. Ein Hirte auf seine Art.
„Jetzt ist die Stunde der Räte“, hatte der Generalvikar im Gottesdienst verkündet. Gemeint war, dass es nun noch mehr als sonst auf die Mitarbeit der gewählten Vertreter der Pfarrei ankommt, um die pfarrerlose Zeit zu überbrücken. Auch wenn den Budenheimern versprochen wurde, dass es bald wieder einen Pfarrer vor Ort geben würde, so galt es doch auch, die Zeit bis dahin eben nicht nur zu überbrücken, sondern aktiv zu gestalten.
Der vom Bistum eingesetzte Pfarrverwalter hat dann zusammen mit dem Pastoralteam, den Räten und den Ehrenamtlichen die „Versorgung“ mit Gottesdiensten organisiert. Aber es ging auch darum, darüber hinaus die bestehenden Gruppen und Initiativen so gut es ging zu stärken, Entscheidungen zu treffen, eigenverantwortliches Handeln zu fördern. Mitmachen war nötiger denn je. Aber es gab auch Konflikte: „Ein Wirtschaftsunternehmen könnte sich eine solche Vakanz auf längere Zeit gar nicht leisten“, ist Stephan Hinz überzeugt.
Dabei hat der Pfarrverwalter mit den Aktiven auch über eine Schriftstelle aus dem Prophetenbuch des Ezechiel gesprochen, in der von guten und schlechten Hirten die Rede ist. Wo die Hirten fehlen oder sich nur um sich selbst kümmern, da zerstreut sich die Herde. Da gehen die Schafe gegeneinander und geraten in Unruhe. Da tauchen vielleicht auch plötzlich selbst ernannte Hirten auf. Und dann gilt wieder einmal, dass „gut gemeint“ nicht unbedingt „gut gemacht“ sein muss. Zu viele Köche können den Brei verderben, wenn die klare Linie fehlt.
„Weil die gewohnte Leitung durch den Pfarrer vor Ort nicht vorhanden war, musste und muss die Pfarrei erst lernen, dass es andere Wege des Miteinanders gibt, andere Möglichkeiten, die Gemeinde lebendig zu halten“, sagt Gemeindereferentin Sigrid Krämer, die in der Pfarrer-Vakanzzeit zur Unterstützung in die Pfarreiarbeit kam. Ihr wurde auch deutlich, dass eine schwache Leitung durch den Pfarrer noch schlechter sei, als eine fehlende Leitung. Die pfarrerlose Zeit habe aber nicht für allgemeinen Stillstand, sondern im Gegenteil in manchen Bereichen sogar für Aufbruchsstimmung gesorgt. „Wir haben uns in erster Linie nicht im Stich gelassen gefühlt, sondern vor allem auch die Chancen genutzt“, erklärt Sigrid Krämer. Zusammen mit ihrer Kollegin Dunja Puschmann sei sie zum Beispiel häufiger im Kindergarten zum Gruppengottesdienst gewesen und werde inzwischen auch klar als „die von der Kirche“ von Eltern und Kindern identifiziert. Neue Initiativen sind entstanden: Manche haben gemerkt: „Jetzt bin ich gefragt. Wenn ich es nicht tue, macht es keiner.“
So hat es Claudia Wilhelm erfahren, die sich in der Vakanz verstärkt um die Belange des Kindergartens der Pfarrei kümmert: „Wir wollen als mündige Christen selbst aktiv sein und merken doch, dass ein Pfarrer als Verantwortlicher fehlt, wenn Entscheidungen zu treffen sind.“ Das sorgt auch für Verwirrung und manchmal auch Lähmung. Ganz konkret spürbar sei das, wenn es etwa um Spendenwerbung für den Kindergarten gehe. „Beim Pfarrer spendet man eher mal einen Hunderter, wir kriegen da nur einen Fünfziger, wenn wir um Spenden bitten.“ Dennoch könnten, so ihre Erfahrung, auch Laien und Ehrenamtliche mit einer gewissen Ausdauer die Wertschätzung bei Außenstehenden für ihre Arbeit erreichen. „Man benötigt manchmal etwas länger, um zu erklären, was man tut, der Pfarrer braucht das nicht.“
In Budenheim ist die „hirtenlose Zeit“ bald zu Ende. Gemeinsam mit dem neuen Pfarrer, der am 1. September kommt, sollen die begonnenen Wege ausgebaut werden; die ersten Gespräche haben die Weichen gut gestellt. Die Zeit der Pfarrervakanz war auch für die verbliebenen Haupt- und Ehrenamtlichen eine Lernzeit. Wenn nun der neue Pfarrer kommt, dann beginnt nicht alles bei Null. Die Budenheimer sind zuversichtlich und kommen gestärkt und neu orientiert aus der hirtenlosen Zeit. Sie sind eben keine „Schafe“, sondern mündige Christen: „Wir machen weiter, nehmen den neuen Pfarrer mit. Und er uns“.


24.05.2012
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