Gedanken zum Evangelium
Zwischen „Selig ihr" und „Weh euch"
In seiner Feldrede konfrontiert uns Jesus mit seiner Vorstellung vom Reich Gottes. Nach Meinung von Monika Krieg kommt es darauf an, dass wir unseren ganz persönlichen Zugang zu Jesus selbst finden.
von Monika Krieg
Wir wissen nicht, ob sich diese Feldpredigt so ereignet hat, wie Lukas es berichtet. Wir wissen auch nicht, ob Jesus überhaupt längere Reden gehalten hat und ob er nicht eher ein Meister der kleinen Begegnungen und dazu passenden kleinen Ausdeutungen gewesen ist. Tatsache aber ist, dass sowohl Lukas als auch Matthäus (in seiner Bergpredigt) an den Anfang von Jesu öffentlichem Wirken eine programmatische Rede stellten, die sie vermutlich aus unverbundenen Spruchsammlungen zusammengesetzt haben. An diesem exponierten Platz der Evangelien sollte bereits das Wichtigste aus Jesu Verkündigung deutlich werden.
Reden brauchen ein Publikum. Ohne dieses verfliegen sie im Raum. Lukas stellt diese Rede in einen Erzählkontext, der von einer großen Menschenmenge berichtet, die gekommen ist, Jesus zu hören und sich von ihm heilen zu lassen: „denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ (Lk 6,19). In dieser Öffentlichkeit nimmt Jesus seine Jünger besonders in den Blick; er spricht sie direkt an: „Selig ihr Armen ... Selig, die ihr jetzt hungert ... Selig, die ihr jetzt weint ... Selig seid ihr, wenn euch die Menschen ... in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.“ Und um der größeren Klarheit willen stellt Lukas den Seligpreisungen die Weherufe gegenüber: „Weh euch, die ihr reich seid ... die ihr satt seid ... die ihr jetzt lacht ... weh euch, wenn euch alle Menschen loben.“
Reden wollen wirken und ihr Publikum erreichen. Über die genaue Wirkung auf die damaligen Zuhörer können wir nur spekulieren. Vermutlich wird jeder der Anwesenden diese Rede anders aufgenommen haben, je nach Naturell und Lebensgeschichte. Auch die früheren Erfahrungen mit Jesus und in der Gruppe seiner Jüngerinnen und Jünger werden eine Rolle gespielt haben. Mancher hat vielleicht vorrangig auf den Inhalt der Lehre Jesu gehört. Andere haben das Ganze auf dem Hintergrund ihrer Beziehungen zu Jesus aufgenommen, sich ihm nahe gefühlt oder haben sich gefragt, ob sie ihm überhaupt glauben können.
Manche interessierten sich vielleicht vor allem dafür, wie sich Jesus selbst darstellte: als Lehrer, als Autorität, als der verheißene Retter? Und einen anderen hat beschäftigt, was Jesus von ihm und seiner Lebensführung verlangt.
Beim Hören der Schriftstelle reihen wir uns ein in die Zuhörerschaft Jesu. Wir stehen quasi mit auf dem Feld, wir, die wir ihm heute nachfolgen wollen; auf uns richten sich die Augen Jesu, an uns richten sich die Seligpreisungen, auf uns zielen auch die Weherufe.
Woran docken wir, jeweils individuell, an? Hören wir zuerst den hohen Anspruch an unser Leben; einen Anspruch, der vor allem vom drohenden „weh euch“ bestimmt ist? Hören wir, dass das „Selig ...“ anders klingt als eine Aufreihung von Geboten; eher wie eine Einladung, die sehnsüchtig macht, dazuzugehören, weil menschliches Leben darin auch in seinen Begrenzungen und Gefährdungen angenommen ist? Erkennen wir in dieser Rede die liebevolle Sorge Jesu, der verständlich machen möchte, was „Reich Gottes“ ist, damit wir „das Leben in Fülle haben“? Oder beschäftigt uns die Glaubwürdigkeit Jesu, seine Autorität, mit der er seine provokanten Gegen-Sätze zum gängigen Life-Style in den Raum stellt? Können wir seinen Worten Vertrauen schenken, auch wenn uns die unmittelbare Erfahrung des heilenden Jesus fehlt?
Es ist nicht wichtig, welchen Zugang wir wählen. Wichtig ist, dass es der je persönliche Zugang ist und dass wir ihn „in uns wohnen lassen“. Dann wird wie von selbst eine Rückmeldung in uns entstehen. Und aus der Rede Jesu kann ein Dialog werden – im Jahr 2010.




