Aktuelle Ausgabe
2012-20

Psychiater und Chefarzt Dr. Manfred Lütz zu Wunderheilungen und Gesundbeten

Zum Arzt gehen nicht vergessen ...

Wie viel Chance hat der Glaube bei der Heilung?Foto: epd

Manfred Lütz ist Psychiater und Psychotherapeut und leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln-Porz. Bekannt wurde Lütz, der auch Theologie studiert hat, mit einer Psychoanalyse der katholischen Kirche, seiner teils scharfzüngigen Kritik am westlichen Gesundheits- und Fitnesswahn sowie zuletzt durch seinen Bestseller „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“, in dem er sich mit „schlampigem Atheismus und frömmelnden Glauben“ auseinandersetzt.

von Roland Juchem

Im Evangelium wird erzählt, dass Jesus die Schwiegermutter des Petrus heilte sowie „viele, die an allen möglichen Krankheiten litten“. Das klingt nach schnellen Wunderheilungen. Wie verstehen Sie diese Verse?
Ich verstehe sie wie alle Wunder der Bibel: als Zeichen. Zeichen dafür, dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass von ihm ganzheitliches Heil ausgeht, Heil, das nicht nur die Seele, sondern auch den Körper betrifft.

Was heißt Zeichen? Ist das so geschehen?
Ja, damit habe ich keine Probleme. Wunder zu leugnen, war ein Problem des Deismus, des Gottesbildes der Aufklärung: Dass die Welt wie ein Uhrwerk läuft und Gott, nachdem er die Welt geschaffen hat, sich in Rente begeben hat, um den ganzen Laden nicht durcheinander zu bringen. Im Sinne moderner Naturwissenschaft glauben wir ja nicht mehr an so ein deterministisches Weltbild. Nach der Quantentheorie wissen wir, dass es indeterministische Sprünge gibt. Gott hat nicht irgendwie nur am Anfang gestanden. Er hält diese Welt lebendig in seinen Händen. Es ist für mich überhaupt kein Problem, dass sich in einem Moment etwas ereignen kann, das wir in unseren medzinischen Vorlesungen normalerweise nicht lernen.

Sie haben mehrfach den Gesundheitswahn kritisiert und auf die Schippe genommen. Was bedeutet dann für Sie Heilung?
Das Problem am Gesundheitswahn ist, dass alle Leute irgendwie krank sind, weil wir einen utopischen Gesundheitsbegriff haben. Die Weltgesundheitsorganisation definierte Gesundheit als „völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“. Aber das gibt es gar nicht. Bei einem solchen utopischen Gesundheitsbegriff empfinden sich alle Menschen als krank. Und wenn Gesundheit das höchste Gut ist, wird sie mit einer pseudoreligiösen Dynamik versehen. Ein utopisches, unerreichbares Ziel, das sakralisiert wird, ist natürlich ökonomisch hoch interessant; deswegen boomt der Gesundheitssektor. Aber es führt letztlich dazu, dass die wirklich Kranken keine Hilfe mehr bekommen. Ich halte es mit der Definition von Nietzsche: Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Wenn jemand dazu nicht mehr in der Lage ist, braucht er wirklich Hilfe.

Jesus hat zu den Menschen gesprochen und sie geheilt. Heute hat man den Eindruck, die Kirche rede vielfach nur noch. Ist deshalb das Heilen aus der christlichen in die Gesundheitsreligion abgewandert?
Das kann ein Grund sein. Aber diese Klage hat in der Kirche selbst schon Tradition. Inzwischen gibt es viele Heilungsgottesdienste – auch im katholischen Bereich. Eher muss man schon drauf achten, dass Leute nicht in Heilungsgottesdienste gehen anstatt zum Arzt. Ich selber erhalte viele Anrufe von Menschen, die Hilfe suchen. Denen sage ich: Die katholische Tradition hat immer die Vernunft ernst genommen – und damit die Wissenschaft. Man ist zunächst verpflichtet, in Verantwortung vor der eigenen Gesundheit das wissenschaftlich Erwiesene, therapeutisch Sinnvolle zu machen. Wenn das nicht fruchtet, was es ja geben kann, dann habe ich persönlich nichts dagegen, wenn man sich mal mit alternativen Methoden beschäftigt. Parallel – das betone ich – zur Therapie ist auch heilende Seelsorge sinnvoll. Die darf aber nicht sagen: Setzen Sie die Pillen ab, stattdessen bete ich mit Ihnen. Wichtig ist, dass beide Schienen funktionieren. So halte ich es auch in meinem Krankenhaus: Ärzte sind keine Seelsorger und Seelsorger keine Ärzte. Aber der Patient hat Anspruch auf beides.

Immer wieder gibt es Meldungen, nach denen gläubige Menschen gesünder sind, länger leben oder auch schneller genesen. Was halten Sie von solchen Behauptungen?
(Lacht) Ja, das lesen Sie immer in der Saure-Gurken-Zeit in den Zeitungen. Aber das halte ich für Etikettenschwindel. Das klingt als wolle man Werbung machen mit dem Spruch: Werdet Christ, damit ihr länger lebt? Oder: Betet mit dem Zweck, länger zu leben? Das wäre eine Instrumentalisierung des Gebets, das ja etwas Existenzielles ist. Das Gebet ist ja auch eine personale Begegnung, eben mit Gott. Die zu instrumentalisieren für Gesundheitsfragen, finde ich völlig absurd. Es kann sein, dass ein Mensch, der einen Sinn im Leben sieht, der geborgen ist in seinem Glauben, möglicherweise entspannter lebt. Aber dass ein Christ länger lebt, das können die heutigen Märtyrergestalten in China nicht bestätigen.

Spricht das gegen Fürbitten für Kranke?
Nein, gar nicht. Dass ich für jemanden beten kann, halte ich für sehr wichtig. Es macht deutlich: Es gibt noch eine andere Kraft außer Medikamenten und Ärzten.

Was braucht es auf Seiten eines Kranken und eines Arztes, damit Heilung geschehen kann?
Da muss ich mit leichtem Augenzwinkern darauf hinweisen: Um gesund alt zu werden, gibt es eigentlich nur eine Methode, die wissenschaftlich abgesichert ist – man muss sich alte Eltern aussuchen. Das meiste ist genetisch …

Aber wenn jemand krank ist, einen Unfall hatte, eine Infektion hat …
Ich bin dafür, das runterzutunen. Zunächst einmal: Wenn ich einen Infekt habe, brauche ich das richtige Antibiotikum und einen guten Arzt, der das verschreibt. Punkt. Und einen Patienten, der das nimmt. Punkt. Gewiss, es gibt auch den Placeboeffekt, die heilsame Auswirkung einer guten Arzt-Patienten-Beziehung. Wenn man aber sagt: Die Haltung, mit der der Arzt das Medikament gibt, und mit der der Patient es nimmt, seien immer das Entscheidende, dann ist das falsch. Natürlich ist es wünschenswert, dass der Patient auch andere Dimensionen seines Lebens zum Klingen bringt. Ebenso ist es wünschenswert, dass ein Arzt dem Patienten Zuwendung zeigt. Chirurgen zum Beispiel sind oft ziemlich einsilbige Menschen. Trotzdem lasse ich mich von einem kompetenten Chirurgen, der nicht besonders eloquent ist, sehr gerne operieren, wenn ich weiß, der ist technisch brillant. Man muss aufhören mit diesen Idealbildern vom Arzt und vom Patienten, die unerreichbar sind.

Welche Rolle spielt denn für Sie Ihr christlicher Glaube für Ihre Profession als Arzt?
Im Prinzip keine. Ich trenne das. Ich bin im Krankenhaus Psychiater und Psychotherapeut. Das habe ich gelernt, dafür werde ich bezahlt; das versuche ich auf dem Stand der heutigen Wissenschaft zu machen. Zu behaupten, für meine Heilungserfolge sei mein christlicher Glaube das Entscheidende – auch im Vergleich zu atheistischen Kollegen, die das genau so gut machen wie ich –, wäre pathetische Desinformation. Sicherlich spielt in meinem Zugang zu Menschen auch meine christliche Überzeugung eine Rolle – übrigens auch mein rheinischer Humor. Gerade in der Psychotherapie wirken sicherlich viele meiner persönlichen Eigenschaften. Umgekehrt ist mein Glaube etwas, das mich trägt, das es mir ermöglicht, mit verzweifelten Situationen manchmal etwas gelassener umzugehen.


24.05.2012
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