Aktuelle Ausgabe
2010-35

Eremitin der Klus Eddessen wechselt ins Sauerland

Zu laut in der Stille

Abschied von der Klus Eddessen: Nach 14 Jahren hat Schwester Renate mit ihrem Hund Felix die Einsiedelei verlassen.Fotos: Jonas

Borgentreich-Borgholz. Misstrauisch schaut Felix, der schwarze Labrador, aus dem Sprossenfenster direkt über der Eingangstür. Als der Besucher auf die Tür des kleinen Fachwerkhäuschens hinter der Kapelle zugeht, fängt er an zu knurren. Doch Schwester Renate weiß, wie sie ihn beruhigen kann. „Darf er mal schnuppern?“, fragt sie. „Sonst hört er nicht auf zu bellen.“ Nach einer recht forschen Untersuchung des Fremden trottet Felix schließlich zufrieden davon.

von Markus Jonas

Einen misstrauischen Hund kann Schwester Renate gut gebrauchen. Schließlich hat sie 14 Jahre allein am Rande des Waldes in der Klus
Eddessen bei Borgholz gelebt– als Eremitin. Dass sie sie nun verlässt, hat vor allem Altersgründe. „Eine Klause eignet sich nicht für eine alt werdende Frau“, sagt die 73-Jährige. Der zweite Grund für den Umzug überrascht: „Die letzten Jahre meines Lebens möchte ich in Stille leben.“ Das Leben als Eremitin hatte sie sich ursprünglich als zurückgezogenes Leben vorgestellt. „Nicht vorgestellt hatte ich mir, mein eigener Wallfahrtsdirektor zu sein“, lächelt Schwester Renate und meint, dass „alle Leute im Umkreis von 150 Kilometern in letzter Zeit schon mal hier waren“. Vor allem sonntags im Sommer bekomme man an der Klus „kein Bein mehr an die Erde“. So mancher steige aus dem Auto aus und rufe laut: „Nein, was ist das hier schön still“, erzählt Schwester Renate mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. Doch sie beklagt sich nicht und zitiert den heiligen Benedikt, der dazu rät „Gott sei Dank“ zu sagen, wenn es klopft. Schließlich sei in jedem Menschen Gott gegenwärtig.
Als Krankenschwester und Psychotherapeutin hat Schwester Renate zunächst gearbeitet und Theologie studiert. Bevor sie sich ihren Traum erfüllen konnte, Eremitin zu werden, lebte sie 18 Jahre in einem Orden. Doch weil der keine Eremiten wollte, übertrug sie ihre Gelübde– mit Genehmigung des Vatikans– auf den Bischof von Paderborn. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich selbst. „Eremiten müssen selbst für sich  aufkommen, sonst können sie keine Eremiten sein“, erzählt sie. Als Mitarbeiterin des Katholischen Bibelwerks hat sie all die Jahre Teilnehmer eines Bibelfernkurses begleitet– per Brief und Telefon.
Als Eremit leben, das müsse man erst lernen, erzählt Schwester Renate. In einer Gemeinschaft oder Partnerschaft könne man eigene Fehler leicht auf andere projizieren. „Allein geht das nicht.“ Wichtig sei, dass man lerne, sich selbst mit allen Fehlern anzunehmen. Gerade unter Katholiken gebe es häufig die falsche Vorstellung, man müsse „erst gut sein“, bevor man geliebt sei. Doch Gott liebe ohne Bedingungen.
Und spricht Gott in der Einsamkeit? Auf mehrere Arten, hat Schwester Renate erfahren. „Im Wort Gottes, im Vollzug der Liturgie, in Menschen“ sowie in dem „was im eigenen Herzen wach wird im Schweigen und im Gebet“. Doch dabei müsse man lernen zu unterscheiden zwischen eigenen Ideen und Wünschen und dem, „was mir von Gott her zukommt“. Ob etwas wirklich von Gott war, könne man mit Sicherheit „erst im Nachhinein“ sagen. Denn eins ist der Eremitin klar: „Nirgends kann man sich soviel vormachen wie im geistlichen Leben.“ Wenn daher jemand auf diesem Weg „nicht reifer, weitherziger, innerlich rund wird, dann stimmt etwas nicht“, sagt sie. Ein Eremit werde dann leicht „merkwürdig“. „Der hat dann seinen Beruf verfehlt.“ Damit das nicht passiert, gibt es zwischen den Eremiten einen regen Austausch. Rund 70 gebe es in Deutschland, schätzt Schwester Renate. Telefonisch halten die Eremiten Kontakt, helfen sich gegenseitig oder fahren auch mal hin, wenn einer krank ist.
Eine Nachfolgerin für Schwester Renate steht auch schon fest: Schwester Benedikta aus Hannover zieht um den dritten Advent herum in die Klus ein. Bei vielen Besuchen hat sie die Klus bereits kennengelernt und Schwester Renate im Urlaub auch mal „vertreten“. Schwester Renate wechselt dagegen ins Sauerland. Am Rande eines kleinen Dörfchens hat sie ein einsames Haus gefunden, das ihr „gute Katholiken“ günstig vermieten, erzählt sie. Wo genau, will sie aber nicht sagen. Es soll ja einsam bleiben.


03.09.2010
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