Aktuelle Ausgabe
2012-5

Wie ein Alkoholiker den Weg zur katholischen Kirche fand

Zu Hause angekommen

Manchmal steht Peter Herzog* fassungslos vor seiner Geschichte. „Das sind zwei verschiedene Menschen“, sagt er. Herzog ist 53. Seine Augen funkeln gerne schelmisch, wenn er spricht. Da ist nichts Düsteres, Dunkles in seinem Gesicht. Der Mann aus Norddeutschland ist engagierter Christ, und leitet einen großen Pflegedienst. Doch das Wichtigste in Herzogs Leben ist: Seit knapp 30 Jahren ist er, den in seiner Selbsthilfegruppe alle nur Peter nennen, nüchtern. Trocken, wie die Anonymen Alkoholiker sagen.

von Andreas Kaiser

Dabei schien Herzogs Leben schon mit 23 am Ende. Schwer tabletten- und alkohol­abhängig, litt er an Polyneuropathie, hatte Krampfanfälle und war unfähig, sich mehr als ein paar Meter weg von seinem Sofa zu begeben. Seine Ausbildung hatte er abgebrochen, Freunde waren gegangen. Das Schlimmste war: Herzog benutzte seine eigene Mutter, die sich mit ihm eine winzige Wohnung in einem seelenlosen Sozialbau teilte, als Dealer. „Sie beschaffte mir Tabletten und brachte Alkohol mit.“ Zugleich betrieb die Mutter die Entmündigung des Sohnes. Herzog hatte sich selbst aufgeben. „Ich dachte, lieber alles mitnehmen und jung sterben. Zum Leben fehlte mir schlicht die Kraft.“
Doch eines Tages hatte Herzog eine Art Umkehrerlebnis. Auf einmal stand ihm klar vor Augen, was zuvor bestenfalls verschwommen sichtbar war. „Das ist ernst. Wenn ich so weitermache, bin ich wirklich bald tot.“ Er ging ins Krankenhaus, und entdeckte Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) und Narcotics Anonymous (NA), die beide recht erfolgreich mit dem Zwölf-Schritte-Programm arbeiten.
Im Zentrum dieses, in seiner Entstehungsgeschichte stark christlich beeinflussten Genesungsweges, steht eine umfassende, moralische Inventur des Einzelnen von sich selbst. Das ist eine Art Generalbeichte, die dem Süchtigen helfen soll, sich mit dem eigenen Lebensweg, seinem Umfeld und Gott auszusöhnen. Herzog arbeitete das Programm durch. Und er kehrte zurück ins Leben, absolvierte eine Ausbildung zum Fachkrankenpfleger. Mit 27 Jahren fand er sich ausgerechnet in jenem Krankenhaus wieder, in der er selbst nüchtern geworden war. Ein Riesending für den genesenden Süchtigen. Denn auch das ist Programm bei den AA: Weiterzugeben, was man selbst Gutes erfahren hat.
„In den Gruppen bemühen wir uns, nicht zu bewerten. Denn Bewertung ist Gift“, sagt Herzog. „Jeder Vergleich verursacht Schmerzen. Entweder weil ich schlechter abschneide als mein Gegenüber. Dann fange ich automatisch an, mich selbst immer weiter runterzuputzen. Oder ich denke, ich sei besser als der andere. Dann bin ich getrennt von den Menschen, getrennt von Gott.“
Vielleicht hatte Jesus genau das im Blick, als er sich erst gar nicht auf die Fragen seiner Jünger einließ, die wissen wollten, warum jene Menschen Opfer großer Unglücke wurden, sie selbst aber verschont blieben. Mitglieder der Selbsthilfegruppen versuchen immer nur sich selbst zu ändern, nie den anderen. Umkehr hieß für Herzog, die Verantwortung für die Folgen des eigenen Tuns zu übernehmen. In einem Pamphlet von NA heißt es: „Für einen Süchtigen gibt es letztlich nur eine Alternative: Erwachsen werden, oder sterben.“
„Gott ist bei mir in Vorleistung gegangen. Erst hat er mir ein neues Leben geschenkt. Später dann habe ich angefangen, Dinge zurückzugeben.“ Zwar ist auch die Wiedergutmachung Teil des Zwölf-Schritte-Programms. Doch Herzog tut mehr als das. Als sogenannter Sponsor unterstützt er andere Süchtige auf ihrem Weg der Genesung. Er ist Mitglied im World Wildlife Found, bei Amnesty International. Er ist Lektor in seiner Kirche. Er engagiert sich in der katholischen Vinzenz-Konferenz, besucht alte Menschen an Festtagen, hilft aus, wenn Not am Mann ist. Zudem geht er einen recht radikalen spirituellen Weg. Jahrelang übte er sich in Zen-Meditation, machte Einkehrtage in evangelischen Kommunitäten, bis er irgendwann eine katholische Messe besuchte. Er war überwältigt. Mit Tränen in den Augen wusste er: „Das ist es. Ich war zu Hause angekommen.“ Ganz ähnlich wie damals, als er vor knapp 30 Jahren die Meetings der Selbsthilfeorganisationen für sich entdeckte.
2005, in dem Jahr als ein Deutscher Papst wurde, konvertierte Herzog zum katholischen Glauben. Von Bischof Franz-Josef Bode wurde er gefirmt. Und wie alles, was er macht, tut der Mann auch das Katholische mit fast übergroßer Leidenschaft. Denn eins ist klar, die Sucht wird man als Süchtiger so ganz nie los. Bestenfalls lässt sie sich in gute Bahnen lenken.
Seit einiger Zeit ist Herzog Mitglied bei der Gemeinschaft Christlichen Lebens, die stark von der Spiritualität von Ignatius von Loyola geprägt ist. Schon der Heilige wusste: Nur wenn man Gott Raum im Leben gibt, kann Gott darin wirken. Dann wird der Mensch verwandelt. Doch oft braucht es dazu eine Initialzündung, ähnlich wie in Herzogs Geschichte oder wie bei dem Feigenbaum im Evangelium. Auch der konnte lange keine Frucht bringen und fiel seiner Umwelt eher zur Last. Bis Gott kam. Mit seinem Dünger. Und liebevoller Geduld.
*) Name von der Redaktion geändert.


05.02.2012
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