Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Zivilcourage braucht Hilfe

In München ist ein 50-jähriger Mann, der sich schützend vor eine Gruppe Jugendlicher gestellt hatte, von einem 17- und 18-Jährigen regelrecht totgeschlagen worden. Die Täter wurden schnell gefasst, und die Diskussion um ihre Bestrafung ist voll entbrannt.

Andreas Wiedenhaus (47), Redakteur des DOM

Ein Mensch hat seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt. Eine Tat, die fassungslos und wütend macht. Und die trotzdem bei aller Emotionalität einen von Sachlichkeit geprägten Denkprozess in Gang setzen muss. Zivilcourage braucht Hilfe, diese sicherlich nicht neue Erkenntnis muss verstärkt ins Blickfeld. Sie braucht direkte Hilfe von denjenigen, die tatenlos daneben stehen. Doch sie braucht auch Unterstützung von Politikern und Verantwortlichen. Für sie darf es nicht mit lobenden Worten getan sein. Sie müssen auch dafür sorgen, dass Orte, an denen sich Straftäter vor Verfolgung sicher fühlen können, beseitigt werden. Dafür braucht es Polizeipräsenz. Doch die Wachen sind personell ausgedünnt.
Aber der Staat muss nicht nur sichtbar sein. Die Täter müssen ihn auch „spüren“: Wenn sie mit aller Konsequenz verfolgt und bestraft werden. Bei allen Überlegungen muss allerdings auch ein Aspekt berücksichtigt werden, den mancher, der den Blick auf die Bestrafung konzentriert, vielleicht gern vernachlässigen würde: Ohne Prävention nützen alle anderen Maßnahmen nichts. Die Gesellschaft muss sich um potenzielle Täter kümmern, bevor es zu spät ist. Das heißt, sie muss in diese Menschen investieren, damit sie ein normales Sozialverhalten lernen. In der Parallelwelt, in der sie leben, ist Gewalt oft die einzige Art, auf etwas zu reagieren. Dort muss konkrete Hilfe ansetzen.


24.05.2012
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