Der Bielefelder Peter Drecker lebt nördlich des Polarkreises
Wo die Sonne nicht untergeht
Tromsö/Bielefeld. „Das mit der Dunkelheit wird übertrieben“, sagt Peter Drecker. Seit 42 Jahren lebt der 71-Jährige aus der Bielefelder Gemeinde St. Jodokus 350 Kilometer nördlich des Polarkreises, in Tromsö im Norden Norwegens, wo die Sonne im Winter 51 Tage lang nicht aufgeht. „Die Norweger leiden mehr darunter als die Deutschen“, erklärt er und lächelt verschmitzt. Zum Ausgleich steht die Sonne momentan ununterbrochen am Himmel. Seit dem 19. Mai ist sie nicht mehr untergegangen. In Norwegen ist der engagierte Katholik Peter Drecker unter anderem als Fußballtrainer bekannt, seine Tochter Anneli eine berühmte Sängerin.
von Markus Jonas
Gemeinsam mit dem neuen katholischen Bischof von Tromsö, Berislav Grgic, begrüßt Peter Drecker als Vertreter des örtlichen Pfarrgemeinderats eine Reisegruppe unter Leitung des „Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken“ in der Stadt mit der nördlichsten Kathedrale der Welt. Seit er 1967 nach Tromsö kam, hat er sich in der kleinen katholischen Gemeinde engagiert, zu der auch zwölf polnische Polarforscher auf Spitzbergen gehören. Rund 500 Katholiken gibt es in der größten Stadt Nordnorwegens mit ihren 66 000 Einwohnern. „Bischof Gerhard Goebel war ein guter Freund von mir“, erzählt Peter Drecker. Der deutsche „Polarbischof“ starb am 4. November 2006. „Er war ein Mann von der Straße“, schwärmt er über dessen Volksnähe. Der neue Bischof, ein Kroate, der zuletzt Pfarrseelsorger in Oberhaching bei München war und seit dem 28. März im Amt ist, sei „ein anderer Typ“. „Aber er macht seine Sache gut“, ist er überzeugt.
Peter Drecker ist Optiker. Als er 1960 eine Stellenanzeige in einer internationalen Zeitschrift aufgibt, erhält der Bielefelder elf Angebote aus der ganzen Welt, darunter aus Brasilien und aus Kongsberg in Norwegen. Vater Franz Drecker, ebenfalls Optiker, rät: „Dir ist es überall zu warm, kannst gleich nach Norwegen gehen, das ist das schönste Land der Welt.“ Der Sohn folgt dem väterlichen Rat, lernt dann auch noch kurz nach seiner Ankunft beim Nationalfeiertag am 17. Mai seine spätere Frau Kari kennen, die wie fast alle Norweger der lutherischen Staatskirche angehört. Bei der Hochzeit 1963 stellt Peter Drecker zwei Bedingungen: „Die Kinder tragen meinen Nachnamen und werden katholisch.“
Von 1963 bis 1965 studiert Peter Drecker Optikermeister in Berlin, fährt so oft es geht nach Norwegen. Einer seiner Klassenkameraden in Berlin ist Günther Fielmann. Von Fielmann hat er sich in späteren Jahren anstecken lassen, schmunzelt Peter Drecker. In den 90-ern startete er ebenfalls eine Kette von Optikergeschäften. Zwölf besitzt er nun im Norden Norwegens, dazu eine Augenklinik. Außerdem engagiert er sich im Sport, wird erfolgreicher Trainer des norwegischen Fußball-Erstligisten Tromsö IL, trainiert zeitweise die nordnorwegische Handballauswahl. Sein Name ist in Norwegen sehr bekannt, das hilft ihm beim Aufbau seiner Geschäfte.
Zwei Kinder und fünf Enkelkinder hat Peter Drecker. Sohn Per Arne ist ebenfalls Optiker, Tochter Anneli ist in Norwegen eine bekannte Sängerin und Schauspielerin. Sie war zweite Lead-Sängerin der auch in Deutschland bekannten Popgruppe „a-ha“ und tritt in diesem Sommer bei einer Europatournee gemeinsam mit der Band „Röyksopp“ auf. „Sie ist ein echter Künstlertyp“, sagt der Vater und lächelt: „Leicht chaotisch.“ Die Familie in Deutschland hat er nicht vergessen. Ein- bis zweimal im Jahr besucht er seinen älteren Bruder Hans in Bielefeld, ebenfalls Optikermeister, und seine Schwester in Köln.
In der katholischen Gemeinde von Tromsö kümmert sich Peter Drecker auch um die Einwanderer, die in steigender Zahl aus Asien und zuletzt Afrika auch nach Nordnorwegen kommen. Beim traditionellen „Kirchenkaffee“ nach dem Gottesdienst sitzt er gern mit den Afrikanern zusammen. „Die sind gut in die Gemeinde reingewachsen“, sagt er zufrieden.







