Aktuelle Ausgabe
2012-5

Das kirchliche Kinder- und Jugenddorf Delbrück beherbergt eine Mutter-Kind-Gruppe

Wo die Mütter laufen lernen

Iris Fingerhut (links) und eine Kollegin mit drei der Kleinen aus der Gruppe der minderjährigen Mütter.Foto: Schleyer

Delbrück. Das von der Kirchengemeinde Delbrück getragene Kinder- und Jugenddorf hat auch eine Mutter-Kind-Gruppe. Dort können minderjährige Mütter einüben, den Alltag mit ihrem Kind zu bewältigen. 

von Richard Schleyer 

„Schauen Sie doch!“ Die junge Mutter kann ihre Begeisterung kaum zügeln. Sie hat Iris Fingerhut, der Leiterin der Mutter-Kind-Gruppe im Kinder- und Jugenddorf Delbrück, etwas Wichtiges mitzuteilen: „Er läuft!“ Die 17-jährige Mutter möchte ihrer Mentorin die ersten Schritte ihres Sohnes vorführen. So sehr erfüllt die blutjunge Mutter dieser Entwicklungsschritt des kleinen Mannes mit Stolz. Und der  tippelt ohne jede Furcht um den Tisch herum in Iris Fingerhuts Arme.

Solche Momente erfüllen die erfahrene Erzieherin mit Genugtuung. In der Freude der Mama wird deutlich, wie sehr bei dieser die Bindung zum Kind gewachsen ist, wie sie auf es eingehen kann. Fünf junge Mütter mit ihren Kleinen wohnen in dieser Mutter-Kind-Gruppe. Die oft sehr unreifen jungen Mamas werden vom Jugendamt in diese Einrichtung vermittelt. Dort sollen sie so lange unterstützt werden, bis es ihnen gelingt, alleine ihr Kind zu versorgen. Einige versuchen dies schon nach einem halben Jahr, andere bleiben 18 Monate und länger in der Gruppe. Manche wollen auch die Verantwortung für ihr Kind nicht weiter übernehmen. 

Gelegentlich spüren Schwestern im Krankenhaus schon, dass eine zu junge Mutter mit ihrem Kind überfordert sein wird und informieren das Jugendamt. Aber auch dessen Mitarbeiter besuchen die jungen Mütter nach der Entbindung zu Hause. Zu jung, ohne Geld, unerfahren und überfordert von Haushalt und Kind, ohne familiäre Unterstützung, selber oft bindungslos aufgewachsen oder psychisch geschädigt, sind diese jungen Frauen froh, in die Mutter-Kind-Gruppe umziehen zu können. Die Beziehung zum Kindsvater ist oft unsicher, wenig tief und von Dauerstreit geprägt. „Wenn abzusehen ist, dass ein Kind sich in dieser Umgebung und unter solchen Umständen nicht entwickeln kann, müssen wir Mutter und Kind um des Kindeswohls willen herausholen“, betont Ronald Majka, Chef des Delbrücker Kinder- und Jugenddorfs. 

Eine Mutter-Kind-Wohngruppe kostet die Allgemeinheit viel Geld. Vier Erzieherinnen, eine Pädagogin und eine Sozialarbeiterin begleiten die fünf Mütter. Auch nachts ist immer eine Fachkraft zugegen. Jede Mutter hat eine feste Mentorin, mit der sie alle ihre Zukunft und das Kind betreffende Fragen bespricht und berät. Jeder Mutter stehen zwei Zimmer zur Verfügung, damit das Kind, falls es schon alleine schlafen kann, einen eigenen Raum hat. Zwei Mütter teilen sich ein Bad. Wohnzimmer, Spielzimmer, Küche und Garten werden gemeinsam genutzt. In einem zweiten Gebäude stehen noch Ausweichräume zur Verfügung, falls jemand Abstand von der Gruppe braucht.

Von den Erzieherinnen begleitet, müssen die Mütter im Umgang mit ihren Kindern so sicher werden, dass sie dessen Bedürfnisse wahrnehmen und auch erfüllen können. So beschreibt Iris Fingerhut das Ziel der Mutter-Kind-Gruppe. Sie weiß: „Diesen jungen Müttern fehlt entwicklungsbedingt oft der normale Mutterinstinkt.“ Sie erkennen nicht, warum ein Kind weint, ob es Hunger oder Schmerzen hat oder nur die Nähe der Mutter braucht. Dann müssen sie ein Gefühl für ihr Kind erst mühsam entwickeln, erst lernen, wie sie sich mit ihm beschäftigen, mit ihm spielen können. Iris Fingerhut: „Wenn wir unsere Mütter beobachten, wie sie mit dem Kind umgehen, es wickeln, füttern, tragen, sehen wir schon, wo ihre Schwierigkeiten liegen.“ Über ein spezielles Programm wird aufgearbeitet, wo die Mütter selber Bindungsdefizite haben oder traumatische Kindheitserfahrungen sie seelisch behindern. „Ohne solche Aufarbeitung geben sie ihre Traumatisierung direkt an die eigenen Kinder weiter “, betont Iris Fingerhut. 

Kochen, Küchendienst, Putzen und Haushalt organisieren die jungen Mütter untereinander. Und ab elf Uhr abends herrscht strikte Hausruhe. Einmal im Monat dürfen die jungen Mütter auch am Wochenende alleine losziehen. „So jung wie die sind, wollen die auch mal in die Disco und bis zum frühen Morgen wegbleiben“, zeigt Ronald Majka Verständnis für jugendliche Lebenslust. Aber öfter gesteht er seinen Müttern keinen Babysitter zu. „Die müssen akzeptieren lernen, dass eine Mutter zugunsten ihres Kindes auch eigene Bedürfnisse zurückstellen muss.“


05.02.2012
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