Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erstes Soziales Forum im Dekanat Siegen – Weihbischof Grothe: Caritas ist Pflicht

Wir sehen täglich Not, die größer wird

Intensive Gespräche über die Caritasarbeit im Dekanat Siegen: Pfarrer Martin Assauer interviewt Renate Budzyn.Fotos: Nückel

Siegen. Über 100 Vertreterinnen und Vertreter aus caritativen Einrichtungen und Gemeinden trafen sich vergangene Woche in der Pfarrgemeinde St. Joseph (Weidenau) zum „Sozialen Forum im Dekanat Siegen“. Es war nicht nur die erste Veranstaltung dieser Art im Siegerland, sondern im gesamten Erzbistum. 

von Matthias Nückel 

„Zuerst geht es um die materielle Existenzsicherung“, berichtet Gabriele Paar, Leiterin der „Ambulanten erzieherischen Hilfen für Familien“. Die Menschen, die zu dieser Einrichtung des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) kommen, litten unter Arbeitslosigkeit oder Existenzangst. Bei der Beratung gehe es aber auch um Erziehungsfragen, Sucht oder Gewalt.

Ähnliches schildert Karl-Josef Rump, Vorsitzender der Caritaskonferenz Hilchenbach-Dahlbruch. „80 bis 100 Personen kommen jede Woche in unsere Kleiderstube“, so Rump. Zur Tafel erscheinen rund 140 Menschen aus 45 Familien. Doch auch hier geht es nicht nur um Materielles: „50 Prozent der Familien brauchen tiefer gehende Hilfen.“

Die Beispiele verdeutlichen, was Dechant Werner Wegener im Vespergottesdienst zu Beginn des Forums gesagt hatte: „Wir sehen täglich soziale Not, die größer wird.“ Christen, so hatte er angefügt, müssten sich engagieren. Worum es bei diesem Engagement geht, verdeutlichte Weihbischof Manfred Grothe in seiner Predigt: „Für Gott ist die Straße ebenso wichtig wie die Kirche. Gottesdienst geschieht nicht nur in der Kirche, sondern auch auf der Straße!“

Dass die katholische Kirche im Dekanat Siegen diesen Auftrag ernst nimmt, macht der Vorsitzende des Caritasverbandes Siegen-Wittgenstein, Diakon Hubert Berschauer, deutlich. Mehr als 2000 haupt- und wahrscheinlich ebenso viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien in den verschiedenen Diensten tätig.

Neun der Dienste geben beim „Sozialen Forum“ einen Einblick in ihre Arbeit, der zugleich ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Probleme wirft. Ganz aktuell schildert Matthias Vitt, Geschäftsführer des katholischen Jugendwerks Förderband, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Eine schlimme Folge sei, dass Jugendliche wegen der geringeren Zahl an Ausbildungsplätzen in die Orientierungslosigkeit abrutschten. „Es gibt Jugendliche, für die ist ein Ein-Euro-Job ein Schritt auf der Karriereleiter“, beschreibt Vitt drastisch die Situation.

Ähnlich perspektivlos ist die Situation für viele Menschen mit Migrationshintergrund in einem Wohngebiet, das Eda Sakrak betreut. „Die finanzielle Notlage im Wohngebiet ist groß, die Arbeitslosigkeit hoch“, so die Caritas-Mitarbeiterin. „Die Menschen dort brauchen Sicherheit, Akzeptanz und Respekt.“

Respekt und Akzeptanz – diese Stichworte fallen immer wieder, ob es um Hospizarbeit, Altenheime oder Demenzkranke geht. Für ihren Bereich, die Migranten, bringt Eda Sakrak ein schönes, aktuelles Beispiel: „Die Fußball-Nationalmannschaft ist sehr multikulturell. Das müsste man doch auch in unserer Gesellschaft umsetzen können.“

Weihbischof Grote ermutigt die Caritas-Mitarbeiter: „Entwickeln sie das Forum weiter zu einem Netzwerk der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.“ Caritas müsse Wesensausdruck der Kirche sein. „Weil Gott liebt, kann die christliche Kirche nicht anders, als selbst zu lieben“, so der Weihbischof. Deshalb sei Caritas Pflicht.

Dass es bei dieser Pflichterfüllung auch Probleme gibt, darauf macht die Dekanatsleiterin der Caritaskonferenzen, Renate Budzyn, aufmerksam. Der demografische Wandel treffe auch die Caritaskonferenzen. Wenn ältere Mitarbeiter aufhörten, sei es oft schwer, Nachwuchs zu finden.

Doch wer einmal dabei ist, den lässt die Caritas nicht los. Eine Mitarbeiterin, erzählt Budzyn, habe ihr einmal gesagt: „Caritas macht süchtig.“ Und die Dekanatsleiterin fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass viele süchtig werden.“

 


24.05.2012
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