Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erzbischof Zollitsch sprach beim „Tag der Heimat“ über Versöhnung und die Rolle der Kirche

„Wir Menschen leben auch von dem und aus dem, was vor uns war“

Robert Zollitsch wurde 1938 in Philippsdorf im ehemaligen Jugoslawien geboren. 1946 gelangte seine Familie nach ihrer Flucht nach Oberschüpf bei Tauberbischofsheim. 1965 wurde er zum Priester geweiht. Seit 2003 ist er Erzbischof von Freiburg und seit Februar dieses Jahres als Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Die Bedeutung der Heimat für den Einzelnen wie für die Gesellschaft, in der dieser lebt, hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, in seiner Rede beim „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen betont. Der Dom dokumentiert Auszüge aus seiner Rede.

 

von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch

 

Der Tag der Heimat steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Erinnern und Verstehen“. Ein tiefsinniges und weitblickendes Leitwort, das uns einmal mehr deutlich macht: Wir Menschen sind geschichtliche Wesen. Wir leben nicht nur aus uns selbst, wir leben nicht als abgeschottete Monaden, sondern ein großes Stück weit von dem und aus dem, was vor uns war. Zu allen Zeiten haben große Denker darauf hingewiesen, dass wir Menschen und unsere Kulturen sich ihrer eigenen Wurzeln berauben, wenn wir unsere Geschichte und die damit verbundenen Traditionen vergessen.

Ein Mensch setzt geradezu seine seelische Gesundheit aufs Spiel, wenn er meint, seine Lebensgeschichte hinter sich abschneiden zu können. Eine Religion entartet zur Ideologie, wenn sie sich ihres Ursprungs nicht mehr erinnert. Jede Kultur beruht auf Erinnerung. Sie beginnt mit Erinnerung. Sie will freilich immer auch darüber hinaus, ja, sie muss sich weiter entwickeln, aber sie hätte ohne diesen Anfang nicht einmal begonnen.

Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen. Das müssen wir in unser Gedenken, in unsere Erinnerung und Trauer hinein nehmen. Wer all die menschlichen Schicksale, das vielfältige Leid, die unfasslichen Geschehnisse um unsere Landsleute verdrängt, der macht sie ein weiteres Mal zu Opfern, zu Opfern des Vergessens. Gerade weil wir in Europa immer mehr in Frieden, gegenseitiger Achtung, Freiheit und Gerechtigkeit zusammenleben wollen, dürfen wir die Vergangenheit nicht vergessen und verdrängen, sondern müssen uns ihrer erinnern und sie verstehen lernen. Um der Zukunft willen brauchen wir eine behutsame und ehrliche Aufarbeitung der eigenen wie der gemeinsamen Geschichte und Vergangenheit. Wir brauchen auf dem Weg in eine menschenwürdige und lebenswerte Zukunft notwendig Orte der Erinnerung.

Vor allem brauchen wir ein wachsendes Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen und deshalb eine konstruktive Dialog- und Vermittlungskultur. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der ist anfällig für neue Grausamkeiten. Diese grundlegende menschliche Erfahrung will uns das bekannte jüdische Sprichwort ins Bewusstsein rufen: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Das Vorhaben der Bundesregierung, in Berlin ein „Sichtbares Zeichen“ gegen Flucht und Vertreibung und dazu die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zu errichten, ist ein wichtiger Beitrag zu einer verstehenden Erinnerung und ein verantwortungsbewusster Akt der Solidarität mit den Betroffenen. Alle Opfer von Vertreibungen und Genozid, von Menschenrechtsverletzungen jeder Art brauchen einen Platz im historischen Gedächtnis, auch die Millionen deutscher Heimatvertriebener. Diesen Teil unserer Geschichte, der zugleich auch Teil der europäischen Geschichte ist, gilt es in aller Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit und Sensibilität aufzunehmen und im allgemeinen Bewusstsein präsent zu halten. Das Bewusstsein, dass Europa wesentliche Impulse für seine Entwicklung aus den religiösen Traditionen des Christentums und des Judentums erhalten hat, stellt die Gläubigen heute vor die Verantwortung, an der Gesundung Europas mitzuwirken. Denn das „Haus Europa“ ist nur dann für alle ein gut bewohnbarer Ort, wenn es auf einem soliden kulturellen und moralischen Fundament von gemeinsamen Werten aufbaut; Werte, die wir aus unserer Geschichte und unseren Traditionen gewinnen. Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht leugnen. Der Kirche ist eine tragfähige Aussöhnung auf der Grundlage des christlichen Glaubens aufgegeben. Das schließt ein, historische Wahrheit und Gerechtigkeit zu fördern und das Bewusstsein für das Unrecht jeder Vertreibung auszubilden. Immer wieder hat unsere Kirche auf die Bedeutung der Heimat für den Menschen hingewiesen.

Menschen schöpfen aus gesunder heimatlicher Verwurzelung Lebensfreude und Zukunftshoffnung. Heimat gehört zum Menschen und seiner Geschichte und darf niemandem gewaltsam genommen werden. Deshalb ist es ein Gebot der Menschlichkeit, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen jeder Art weltweit zu ächten und als Mittel der Politik zu verurteilen.


24.05.2012
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