Aktuelle Ausgabe
2012-20

Pastoraler Raum Attendorn blickt mit kreativen Ideen nach vorn

Windmühlen statt Mauern

Pfarrer An­dreas Neuser (re.) begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Umkleideräumen der alten Fabrik.

Attendorn. Unter dem Motto: „Die Kirche im Dorf lassen!“ diskutierte der Pastoralverbund Attendorn jetzt über den Weg zum neuen Pastoralen Raum. Ziel der Veranstaltung war es, die Menschen, die sich in den Gemeinden engagieren, auf dem Weg mitzunehmen.

von Matthias Nückel

„Die Infrastruktur im Pastoralverbund ist nur noch teilweise vorhanden: Gebäude wie Kirchen, Pfarrheime und Pfarrhäuser gibt es nicht mehr; es stehen nur noch 20 Prozent der Finanzen zur Verfügung. Wie kann das kirchliche Leben in den Gemeinden des Pastoralverbundes unter diesen Bedingungen aussehen? Welche Angebote sind unverzichtbar und werden wie und vom wem aufrechterhalten?“

Es war eine harte Nuss, die die Steuerungsgruppe unter Leitung von Pfarrer Andreas Neuser den Teilnehmern der Veranstaltung zu knacken aufgegeben hatte. Ausgehend von diesem schlechtestmöglichen Szenario sollten Kleingruppen Perspektiven für die Kirche im PV Attendorn erarbeiten. Die Gruppen – aufgeteilt nach Kriterien wie Pfarrgemeinderatsmitglieder, Kirchenvorstandsmitglieder, Männer und Frauen unter 40 oder Menschen über 60 – kamen zu teilweise überraschenden Ergebnissen.

Unverzichtbar für alle Gruppen sind die Sakramente und Gottesdienste. Auch die Sakramentenvorbereitung und der Religionsunterricht wurden genannt. „Die 20 Prozent bergen die Chance, sich auf die Wurzeln zurückzubesinnen“, formulierten etwa die „Männer unter 40“. Man müsse sich dann wieder „auf den Glauben konzentrieren“, meinte die Gruppe der Pfarrgemeinderatsmitglieder.

Die Inhalte standen im Mittelpunkt, nicht die Steine. Denn an den vorhandenen Gebäuden hing niemand. „Wir werden schon Orte für Gottesdienste finden“, hieß es ganz pragmatisch. Das Stichwort „Hauskirche“ fiel ebenso wie der Vorschlag: „Notfalls gehen wir in die Schützenhalle.“ Große kirchenpolitische Forderungen wie die Weihe von Frauen spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Vielleicht war es der besondere Ort der Veranstaltung, der das praktische Denken beflügelte: die ehemaligen Hoeschhallen. Bewusst hatte die Steuerungsgruppe das kirchliche Terrain verlassen und den maroden Charme der Fabrik ausgesucht, um über die Zukunft der Kirche nachzudenken. „Wir glauben, dass die Hoeschhallen symbolisch dafür stehen können, wie Altes in einem neuen Sinn gedeutet und genutzt werden kann“, meinte Gemeindereferent Christoph Schüttler. Das gelang auf eindrucksvolle Weise.

Bevor zur Kreativität aufgefordert wurde, durften die gut 60 Teilnehmer erst einmal „Dampf ablassen“. Moderatorin Anja Geuecke rief dazu auf, Befürchtungen zu formulieren, die es im Zusammenhang mit dem neuen Patoralen Raum gibt. Auf einer „Klagemauer“ aus Schuhkartons wurden die Ängste und Sorgen aufgetürmt. „Die Identität der Gemeinde geht verloren“, Priester sind überlastet und nur noch Manager“, „Zentralismus wird großgeschrieben“, „Kindergärten müssen schließen“, „Kirchen werden abgerissen“ oder „Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände gehen verloren“, lauteten die Klagen.

Doch nicht Jammern war angesagt. Denn: „Wenn der Wind der Veränderung weht, kann ich Mauern bauen oder Windmühlen“, zitierte Anja Geuecke ein chinesisches Sprichwort. So waren die Teilnehmer aufgefordert, aus diesen Nachteilen Vorteile zu entwickeln.

Auch bei dieser Aufgabe bewiesen die Attendorner Katholiken viel Kreativität. „Aufbrechen der Strukturen“, „engeres Zusammenrücken macht stark“, „Kirche stärker nach außen öffnen“, „Vernetzung zwischen Gesellschaft und Kirche“, „Kompetenzen nach unten abgeben“ oder „Aufwertung der Frauen in der Kirche“, „neue Wege in der Seelsorge“ und „Ballast abwerfen“ wurden etwa als mögliche Vorteile genannt. Der Weg zum Pastoralen Raum hat durch die inhaltlichen Akzente der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die meisten waren Ehrenamtliche zwischen 40 und 60 Jahren – an Fahrt gewonnen.

Und wohin geht die Reise? „Es ist Gottes Reich, aber nicht erst in Ewigkeit“, hatte Pastoralverbundsleiter Pfarrer Andreas Neuser zum Auftakt betont. „Es geht um die Gemeinschaft derer, die ihr Leben an Jesus Christus orientieren wollen.“ Dass es „eine gute Substanz, viele Menschen, die sich ansprechen lassen“ gibt, wie Neuser formulierte, hat die Diskussion in den Hoeschhallen gezeigt. Der Blick wurde konstruktiv nach vorn gerichtet.

Vielleicht hatte dazu auch die Einstimmung in der Hospitalkirche beigetragen. Pfarrer Neuser gab zu den einzelnen Strophen des Liedes „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ geistliche Impulse. „Das Lied ist bestimmt schon über 30 Jahre alt“, meinte ein Teilnehmer auf dem Weg zu den Hoeschhallen. „Aber es ist aktueller denn je.“


24.05.2012
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