St.-Lambertus-Gemeinde in Castrop-Rauxel gestaltete gemeinsames Grabmal für 31 Kinder neu
Wieder eine würdige Stätte
Castrop-Rauxel. „Da musste unbedingt etwas passieren!“ Joseph Sellinghoff vom Kirchenvorstand der St.-Lambertus-Gemeinde in Castrop-Rauxel spricht das aus, was viele seiner Mitbürger beim Anblick der alten Grabstätte auf dem katholischen Friedhof seiner Heimatstadt empfunden haben dürften. Überwuchert und zugewachsen war der Gedenkstein kaum noch zu erkennen. Mittlerweile ist „etwas passiert“: Das Grab auf dem Friedhof an der Wittener Straße wurde restauriert und neu gestaltet.
von Andreas Wiedenhaus
Die Erinnerung an die Tragödie, der an dieser Stelle gedacht wird, ist in der ganzen Stadt über neun Jahrzehnte lebendig geblieben. 31 Jungen sind dort bestattet. Sie waren im September 1918 während eines Aufenthaltes in einem Ferienlager an einer Pilzvergiftung gestorben.
Joseph Sellinghoff kennt die Geschichte seit seiner Kindheit. Auch weil sein Vater mit ihm bei jedem Weg über den Friedhof auch die gemeinsame Grabstätte der „Pilzkinder“ besuchte. Der heute 77-Jährige erinnert sich: „Die Kinder aus dem Ruhrgebiet sollten sich während des Sommers im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges in Bierschlin in der früheren Provinz Posen erholen. Doch 31 von ihnen sollten ihre Heimat und ihre Eltern nicht wiedersehen.“ Im September 1918, an einem Sonntag nach dem Gottesdienstbesuch, sammelten einige Jungen nach dem Gottesdienstbesuch in einem Wäldchen Pilze und brachten diese der Köchin in ihrem Ferienlager mit. Diese hielt die Pilze für essbar und bereitete sie trotz der Bedenken der Lehrerin zu. Mit fürchterlichen Konsequenzen: Von den 33 Kindern, die die Pilze gegessen hatten, starben 31. Unter den gesammelten Pilzen waren Knollenblääterpilze gewesen. Per Telegramm gelangte die Todesnachricht nach Castrop-Rauxel. Die Stadt war im Schockzustand. An der Bestattung der Jungen einige Tage später nahm die gesamte Bevölkerung anteil. Das Denkmal auf dem Friedhof an der Wittener Straße wurde zu einer Art Pilgerstätte. Vier Familien hatten sogar zwei Söhne verloren.
Nach 90 Jahren, so die Idee in der Lambertus-Gemeinde, sollte die Grabstätte nun neu gestaltet werden. „Die Zustimmung in der Gemeinde und der ganzen Stadt war riesig, es sollte wieder eine würdige Stätte entstehen“, erinnert sich Gemeindereferent Johannes Schoenen. Die Planung war schnell abgeschlossen und die Arbeiten begannen: Busch- und Strauchwerk wurden entfernt, das Grabmal gesäubert und restauriert und der Vorplatz neu gestaltet. Eine Informationstafel wurde ebenfalls aufgestellt. „Der Gottesdienst zur Wiedereinweihung hat alle sehr bewegt“, sagt Johannes Schoenen: „Das Leid ist wirklich bis heute lebendig geblieben.“ Berichte von Zeitzeugen wurden verlesen, Kerzen zur Erinnerung an die Opfer entzündet.
Im Zuge der Restaurierung wuchs in der Gemeinde der Plan, die Gedenkstätte wieder als Begräbnisstätte zu nutzen. Kinder sollen in Zukunft dort bestattet werden. In Absprache mit dem St.-Rochus-Hospital wird derzeit darüber hinaus ein Konzept entwickelt, um einmal pro Jahr dort Totgeburten zur letzten Ruhe zu betten.
Wenn Joseph Sellinghoff die Ereignisse um die Gedenkstätte Revue passieren lässt, fasst er seine Gefühle in diesem Satz zusammen: „Das war die schönste Aufgabe in meiner Zeit als Mitglied des Kirchenvorstands!“







