„Moment, das will ich jetzt aber noch mal genau wissen. Was steht da in der Bibelstelle? Sollen oder dürfen?“. Werner K. beugt sich über die Einheitsübersetzung und meint lakonisch: „Das ist nämlich ein Unterschied, da bin ich halt zu sehr Jurist“. Es geh
Wie viel Kampf ist eine Ehe wert?
„Moment, das will ich jetzt aber noch mal genau wissen. Was steht da in der Bibelstelle? Sollen oder dürfen?“. Werner K. beugt sich über die Einheitsübersetzung und meint lakonisch: „Das ist nämlich ein Unterschied, da bin ich halt zu sehr Jurist“. Es geht um den ganz schlichten Satz aus dem Evangelium, dass der Mensch das, was Gott verbunden hat, nicht trennen darf. Ja, eben, soll oder nicht trennen darf?
von Sabine Brandl
Seine Frau Karin holt aus dem Nebenraum vier weitere Bibelübersetzungen und so beginnt das Gespräch mit der Erkenntnis, dass der Satz im Markusevangelium sowohl mit „soll der Mensch nicht scheiden oder trennen“ als auch mit „darf“ übersetzt wird. „Sollen bedeutet noch einen gewissen Spielraum“, meint der Achtundvierzigjährige, „spannend wird es, was die Kirche dann draus gemacht hat.“ Und mit dem Anspruch ringen Karin und Werner seit langem, vor allem, weil Karin mit einer annullierten Ehe weiß, wovon sie spricht, und „grad weil wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen mit dieser Unauflöslichkeit“, erklärt Karin (44). „Aber was ist denn, wenn es gar nicht mehr geht, mir trotz aller Bemühungen die Beziehung schadet und mir meine Lebendigkeit nimmt? Ist es dann nicht besser auseinanderzugehen?“ ergänzt ihr Mann sie, denn dass Gott auch im Scheitern mitgeht, davon sind beide überzeugt.
Beide haben ihr Päckchen zu tragen, mit sich und aneinander. Statt auseinanderzugehen, hat das Ehepaar viel Ringen, Zeit und Geld in Therapien investiert. Ist es das alles wert für eine Ehe, die beiden nicht mehr gut tut? Seit zwanzig Jahren sind sie verheiratet. Und das hat einen einfachen Grund: „Wir gehören zusammen und haben klar gemerkt, dass wir eine ganz feste gemeinsame Basis haben“, bestätigen sie einstimmig. Diese Basis war lange verschüttet, aber immer da. Inzwischen steht sie felsenfest, auch dank ihrer Paartherapeutin. Die zu finden, war nicht einfach. „Da gab’s einige Fehlschläge“, erläutert Werner und seufzt. „Wir haben viel Zeit und Geld in unsere Beziehung investiert, aber sie ist es uns wert und ohne den gemeinsamen Willen und eine hohe Verbindlichkeit geht es nicht“, bekräftigen beide.
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Diese Frage wird sich so manches Paar selbst stellen. An die romantische Vorstellung, dass Beziehung keine Arbeit ist und der andere einen auch ohne Worte versteht, haben Karin und Werner noch nie geglaubt und kommentieren das mit einem Auflachen. Außerdem war es in den Ehejahren nach der Geburt des Kindes sehr schwer, sich gegenseitig als Paar genügend Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Folgen für sich beschreibt Karin: „Mir ging es ziemlich schlecht und mir wurde klar, dass das auch mit meiner Ehe zusammenhängt. Werner redete nicht und zog sich zurück. Und ich wusste nicht, wann und ob er aus dem Schweigen wieder rauskommt. Da habe ich ihm irgendwann deutlich gemacht, dass ich so nicht weiterleben kann und es deshalb unsere einzige Chance ist, uns Hilfe zu holen“, erläutert Karin. Sie ist auch stolz auf ihren Mann, denn sie weiß von vielen Männern, dass die sich darauf nicht einlassen würden.
„Der Grund, mich auf eine Paartherapie einzulassen ist, dass du mir als Mensch wichtig bist“, führt Werner weiter aus und schaut seine Frau dabei intensiv an, „und genau deswegen tut es in Konflikten so weh, weil du mir so wichtig bist. Und so lange das so ist, lohnt es sich, dass wir an unserer Beziehung weiterarbeiten.“ Manchmal leistet die Therapeutin Übersetzungshilfe und die ist, so lässt sich vermuten, nicht einfacher als die soll/darf-Frage im Text des Evangeliums: „Ich musste viel verstehen lernen, wie du denkst und fühlst“, fasst Werner zusammen. Der andere ist halt anders. Und bei einigen Dingen gibt es leider keine Übereinstimmung.
Da bleibt nur übrig, den anderen so anzunehmen, wie er ist, in seinem Anderssein, „auch wenn man ihn nicht immer verstehen kann“, meint Karin. Und das ist wieder nahe an dem, was ihrem Gottesbild entspricht: Angenommen sein und den Weg mitgehen, „auch Gottes Wege sind uns nicht immer verständlich“.
Statt den gemeinsamen Bund zu lösen, haben sie gelernt, Konflikte zu lösen. Nicht in dem Sinn, dass es immer eine Lösung gibt, sondern einen guten Umgang miteinander im Konflikt zu finden. „Echt harte Arbeit“, sind sich beide einig. Und egal wie, man müsse verzeihen und vertrauen können. Beide verstehen darunter: Vergangenes lassen, immer wieder aufeinander zugehen, in Kontakt bleiben und sich einlassen, auch wenn es manchmal unmöglich scheint. Das braucht Wagemut. Und nicht nur den. Es braucht die verbindenden Elemente.
Karin und Markus sehen ihr gemeinsames Kind bewusst nur darin als verbindendes Element, als es „ein Kind unserer Liebe und ein Geschenk Gottes ist. Es ist aber in allererster Linie ein eigenständiger Mensch und hat keinerlei Funktion für die Paarbeziehung“, stellen beide klar. Es gehe um gemeinsames Leben und Tun als Paar, zum Beispiel zusammen den Gottesdienst oder die Glaubensgruppe zu besuchen, auch wenn man sich gerade sehr schwer miteinander tut. „Das ist unsere Basis, bei anderen Paaren ist es der Sportverein oder was anderes“, meint Karin. Und daher fällt ihnen auch die Antwort schwer, ob sie ohne ihren Glauben längst getrennt wären. Der ist da und wird gelebt. Mit ihrem Gott, gemeinsam auf dem Weg, in „guten und in schlechten Zeiten“.







