Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der frühere Magdeburger Bischof Leo Nowak zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der DDR

„Wie sollten wir als Christen in diesem Staat leben?“

Leo Nowak wurde 1929 in Magdeburg geboren. 1956 wurde er dort zum Priester geweiht. Bis 1976 arbeitete er als Seelsorger unter anderem in Merseburg, Ziesar und Stendal. Dann wurde er Leiter des Seelsorgeamtes. 1990 empfing er die Bischofsweihe und wurde zum Apostolischen Administrator ernannt. 1994 wurde er der erste Bischof des neu errichteten Bistums Magdeburg. 2004 wurde er emeritiert.

Zur Zeit der Wende in der ehemaligen DDR empfing Leo Nowak die Bischofsweihe und wurde in Magdeburg zum Apostolischen Administrator ernannt. In seinem Gastbeitrag beschreibt der mittlerweile emeritierte Bischof des Bistums Magdeburg, unter welchen Schwierigkeiten die katholische Kirche in der DDR existieren musste und macht gleichzeitig deutlich, vor welchen Herausforderungen sie nach der Wende stand: „Mir wurde klar, dass es darauf ankam, einige wenige Akzente zu setzen.“

von Bischof Leo Nowak

Es ist kaum zu glauben, aber dennoch wahr: es ist schon 18 Jahre her, seitdem die DDR-Diktatur zusammengebrochen ist. Diese Tatsache der „Volljährigkeit“ ist Anlass genug, um zurück, aber auch um nach vorn zu schauen.
Die Zwangsjacke, in die dieser totalitäre Staat seine Bürger gesteckt hatte, ist schon zur Genüge beschrieben worden. Deshalb kann ich mich dabei kurz fassen.
Die Kirche war für viele gerade deshalb ein Hort der Freiheit. Der oft nachgefragte Widerstand der Kirche bestand nicht in öffentlichen Protesten oder Demonstrationen, sondern in einer bewussten und kontinuierlichen Stärkung der Gemeinden. Wir waren uns alle einig: Diesen Staat mit seiner marxistischen Doktrin können wir nur ablehnen. Wie aber sollten wir als Christen in diesem Staat leben? Kann die Kirche ihre Mitglieder zum Widerstand oder gar zum Martyrium verpflichten?
Die sogenannte Wende wirkte wie ein Befreiungsschlag. In vielen Teilen der Bevölkerung hatte sich längst ein gewisser Unmut über die unmenschlichen Verhältnisse angestaut, aber mit einem so totalen Zusammenbruch hatte niemand gerechnet. Mit Tränen der Freude in den Augen umarmten sich die Menschen.
Über Nacht war nun alles anders. Nach wie vor sind die meisten  DDR-Bürger dankbar für diese Wende. Kaum einer möchte ernsthaft die alten Verhältnisse wieder herstellen. Es zeigte sich aber auch, dass der „goldene Westen“ nicht nur goldige Seiten hat.
Genau zur Wendezeit wurde ich zum Bischof ernannt. Vertreter und Vertreterinnen der kirchlichen Verbände und Organisationen aus den westlichen Bistümern gaben sich die Klinke in die Hand. Alle priesen die große Bedeutung ihrer Gemeinschaften und erteilten wohlgemeinte Ratschläge. „Wie sollen wir hierzulande mit zwei Katholiken fünf Verbände gründen?“, so fragte ich zurück.
Mir wurde klar, dass es jetzt darauf ankam, einige wenige Akzente zu setzen. Diese sollten sowohl der Gesellschaft, aber auch zugleich der Kirche selbst zugute kommen. Die Errichtung von einigen Schulen und der Aufbau caritativer Einrichtungen boten sich an. Auf diese Weise könnten wir etwas für die Menschen tun. Zugleich aber könnte die katholische Kirche dadurch in der  Bevölkerung  von 80 Prozent Nichtgetauften auf sich aufmerksam machen. Impulse für eine missionarische Kirche zu geben, das war mein erklärtes Ziel. Eine Kirche der gemeinsamen Verantwortung auf den Weg zu bringen, dafür wollte ich mich einsetzen.
Immer wieder wird aus verständlicher westlicher Sicht gefragt, wieso es immer noch  Anhänger der DDR gibt und warum immer noch so viele Kinder zur Jugendweihe gehen?
Die Antwort darauf ist nicht  ganz einfach. Diese liegt wohl eher im emotionalen, wenn nicht sogar irrationalem Bereich. 40 Jahre sind eben kein Pappenstil. Diese Jahre haben die Menschen geprägt. Sie  haben in dieser Zeit unter oft nicht leichten Bedingungen ihre Arbeit getan. Mit der Wende aber wurden viele arbeitslos. Das war eine niederschmetternde Erfahrung. War alles, was wir getan haben umsonst? War das alles nichts? 
Übersehen wird aber auch manchmal, dass nicht wenige versucht haben, mit den Schwierigkeiten des Systems zurecht zu kommen. Andere haben Widerstand geleistet und ihre Existenz aufs Spiel gesetzt. Wenn dann bei solchen DDR-Bürgern der Eindruck entsteht, dass, bewusst oder unbewusst, mit einer gewissen Überheblichkeit auf sie herabgeschaut wird, dann ist das wenig hilfreich. 
Unsere Landsleute aus den alten Bundesländern haben unter völlig anderen Bedingungen gelebt. Diese Bedingungen gab es in der DDR nicht. Da braucht es Zeit, damit „die Seele nachkommen kann“.
Vielleicht steht mit der Wende auch unser demokratischer Staat erneut auf dem Prüfstand. Ob das Wohl der Menschen im Mittelpunkt steht? Ob die Schere zwischen Arm und Reich kleiner werden kann? Ob Ehe und Familie, Alte und Behinderte den entsprechenden Stellenwert haben? Und ob wir als Kirche in Ost und West glaubhaft Zeugnis ablegen können von der  Hoffnung und der Kraft des Evangeliums? Davon wird es letztlich auch abhängen, ob die Menschen einer Zukunft trauen können, die uns  der Glaube verheißt. Die selige  Mechthild von Magdeburg macht uns Mut, wenn sie sagt: „Die Wahrheit lässt sich nicht verbrennen!“


24.05.2012
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