Warum in Göda so seltsame Apostel stehen
Wie ein Schiff in der Kirche
Göda. Die Orgel als Schiff zu gestalten, war die Idee eines des bedeutendsten deutschen Kirchengestalters des 20. Jahrhunderts: Friedrich Press (1935 bis 1990). Über 40 Kirchen, vorwiegend in der DDR, hat er gestaltet. Besonderes Beispiel seiner Gestaltung ist die alte gotische Kirche von Göda in Sachsen. In diesem evangelischen Gotteshaus hat Friedrich Press mit zwölf Holzblöcken den Altarraum besonders gegliedert. Die zwölf Stelen, teilweise zu mehreren aus einem Stamm gehauen, stellen die zwölf Apostel dar. An diesem Sonntag wird dazu das Evangelium verlesen: Von der Aussendung der zwölf.
von Guido Erbrich
In den Kirchen fand Künstler Press die Freiheit, die der Arbeiter- und Bauernstaat ihm sonst nicht bot. Die offizielle Staatskunst der DDR konnte mit seiner Kunst nicht viel anfangen. So, wie bereits die Nazis zuvor seine Werke als „entartet“ beschimpft hatten. Als einer der wenigen deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts stehen dafür allerdings Werke von Friedrich Press im vatikanischen Museum.
Press gestaltete in den 1970er-Jahren die alte gotische Kirche von Göda bei Bautzen modern um. Seit sie fertig ist, bringt sie lebendige Diskussionen in den altehrwürdigen Bau. Wer sich durch das Gästebuch der Kirche blättert, findet vorwiegend zwei Reaktionen, entweder reine Begeisterung oder komplette Ablehnung der einzigartigen Gestaltungsideen.
Innen können sich Besucher neben Apostelfiguren setzen. Das Kreuz steht inmitten der Gemeinde und hinter dem zwölfsäuligen Altar ragt eine riesige Auferstehungsfigur, wie ein gigantisches Victory-Siegeszeichen hoch in den Raum.
Diese evangelische Dorfkirche ist ein gelungenes Bild dafür, was Kirche unter den Menschen ist: diese Kirche steht nicht starr und steif, sondern ist auf dem Weg. Sie ist einladend, motivierend und provozierend. Vor allem hat sie ein schlüssiges nachvollziehbares theologisches Gestaltungskozept: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium.“
Große hölzerne Blöcke sind als Jünger auf dem Weg und verbreiten die Frohe Botschaft. Es lohnt sich, die Apostelfiguren genauer anzuschauen. Da sind nicht nur Eliteprediger und Vorzeigechristen auf dem Weg. Nein, dort gehen Menschen, die Gefühle zeigen, die deutlich machen, welche Reaktionen Gottes Ruf in den Menschen hervorbringt.
Da gibt es die ängstlichen Jünger, die sich gegenseitig Mut machen. Sie gehen gemeinsam, und jeder ahnt, allein, würden sie es nicht schaffen.
Dann gibt es den Typen, der mit dem Kopf durch die Wand will. Ihn wird keiner aufhalten, wenn er mit dem Evanglium die Welt umkrempelt. Seinen ängstlichen Nachbarn reißt er einfach mit. Ein anderer scheint gar zu lachen. Ob ihm die Frohe Botschaft gar zu froh daherkommt?
Namen haben die Apostel keine. Denn die Figuren müssten die Namen der Menschen von heute tragen. Schließlich sollen diese Jünger auch genau die darstellen: Christen von heute, Frauen und Männer, Alte und Junge.
Die Menschen heute also sind genauso von Gott angesprochen, dieser Welt von Gott zu erzählen, gerade so wie es Peter, Paul, Thomas, Andreas und den anderen vor nahezu 2000 Jahren erging.
Ein Sonntagsspaziergang ist dieses Hinausgehen in alle Welt allerdings nicht. Im Gegenteil, es kann gefährlich werden. Manche führt die Nachfolge ins Gefängnis und in den Tod. Trotzdem findet Friedrich Press auch für diese Situationen ein hoffnungsvolles Bild. Er zeigt im Orgelschiff wie Paulus und Silas mit ihrem Gesang die Kerkerketten sprengen.
Das Evangelium, das verkündet werden soll, trägt dabei nicht das Kreuz vor sich her, sondern lässt es hinter sich. Das Evangelium ist die Botschaft der Auferstehung, des Sieges über Kreuz uns Tod. Deswegen steht das Kreuz mitten in der Gemeinde, dort wo auch die Menschen sitzen, die noch erlöst werden wollen. Dort, wo auch die Gemeinde von heute das Kreuz erwartet, findet die Auferstehung bereits statt.
Göda ist eine Kirche die das Aussenden der Auferstehungsbotschaft in einem Raum erlebbar macht. Dabei war es typisch, dass diesen Raum erst einmal kaum jemand wollte. Die meisten Künstler, die die Gemeinde angefragt hatte, winkten ab; eine alte Kirche, mit viel zu viel Denkmalschutz gestalten. Nein danke. Vielleicht hatten sie auch keine Ideen.
Als die damaligen Gemeindevorsteher hörten, dass in der gleichen Gegend ein Künstler gerade eine Kirche gestaltete, setzten sie sich in ihren alten Trabbi und sausten hin. Der Künstler war Friedrich Press. Sie brauchten nicht viel sagen. Press stieg zu ihnen ins Auto. Er ließ sich ihre von anderen verschmähte Kirche zeigen und war begeistert. Das war eine Herausforderung nach seinem Geschmack. So entstand eine Kirche, die Altes und Neues verbindet, die deutlich macht, dass die Botschaft des Evangeliums in die Welt gehört. Eine Kirche eben, die fordert, provoziert und unterwegs ist.
Und der Bescuher schnell ansehen, dass das Herausgehen in alle Welt eine lohnende, wenn auch keine leichte Aufgabe ist. Aber das Schiff hat seine Segel gesetzt. Die Menschen brauchen nur den Anker lichten.






