Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie sechs Menschen der Auforderung Jesu nachkommen

Werke der Barmherzigkeit

„Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan“, antwortet Jesus auf die Frage, wann ein Mensch gute Werke vollbringen kann. Die Inhalte dieser Forderungen sind auch heute noch aktuell. Wie zu biblischer Zeit gibt es Hungrige, Durstige, Obdachlose, Nackte, Kranke und Gefangene.

„… ich war hungrig und ihr habt mir zu Essen ­gegeben“
Im Sommer vor drei Jahren rief der Leiter der Zwickauer Tafel im Büro der katholischen Gemeinde von Crimmitschau an. Er fragte an, ob die Pfarrei für eine Ausgabestelle Räume zur Verfügung stellen könnte. Bei Heike Nawroth, die als Sekretärin am Apparat war, lief er offene Türen ein. Bedürftigen zu helfen, lag ihr am Herzen. „Ich weiß, wie es ist, wenn man mit zehn Euro im Portemonnaie einkaufen geht. Ich war alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und hatte eine Halbtagsstelle.“ Pfarrer und Pfarrgemeinderat standen dem genauso aufgeschlossen gegenüber. Im Piusheim wurde Platz gemacht für die Ausgabe. Heike Nawroth bot sich als erste an, beim Austeilen zu helfen.
Die Warteschlangen wurden montags so lang, dass die Hilfsbedürftigen in zwei Gruppen eingeteilt wurden und seitdem alle 14 Tage zum Piusheim kommen. Derzeit sind es etwa 60 Arbeitslose, alte Menschen mit geringer Rente, Familien, sozial Benachteiligte, die jede Woche Beutel mit Brot, Milch, Wurst, Gemüse und anderen Lebensmitteln erhalten. „Es hilft, weiß ich aus Gesprächen“, sagt Heike Nawroth. Die Arbeit jeden Montagnachmittag macht sie nach über drei Jahren immer noch gern. „Wenn da jemand steht und mich anlacht, gibt es mir auch etwas.“

„… ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben“
Während eines Praktikums in Tansania sah Jutta Himmelsbach, wie Frauen und Kinder stark verschmutztes Wasser aus einem fast ausgetrockneten Flussbett schöpften. „Dieses Bild“, erinnert sich die 34-jährige Ingenieurin aus Emsdetten, „ist mir bis heute in Erinnerung, und ich weiß, dass an diesem Fluss die Idee entstand, mich beruflich für die Bekämpfung solcher Missstände zu engagieren.“ Nach ihrem Studium der Versorgungstechnik und ersten Berufserfahrungen in der Wirtschaft fing Himmelsbach 2005 bei Misereor als Trainee an. Da Wasser als knappes Gut immer wieder Gegenstand von Konflikten ist, wurde Himmelsbach auch in Konfliktmanagement ausgebildet – eine für sie nach wie vor „spannende Schnittstelle“. Seit 2007 arbeitet sie in Ruanda. Das von Misereor finanzierte Projekt in der Diözese Ruhengeri setzt nicht in erster Linie auf den Bau von Infrastruktur. Vielmehr soll die Bevölkerung für einen nachhaltigen Umgang mit Wasser sensibilisiert werden. Himmelsbach baut zum Beispiel zusammen mit Familien Wasserfilter. Ihren Durst können diese Familien wieder mit sauberem Wasser stillen.

„… ich war obdachlos und ihr habt mich auf­genommen“
„Es macht mir einfach Spaß, mit den Frauen zu reden“, sagt Stefanie Keckstein. Sie engagiert sich ehrenamtlich beim sogenannten Frauentreff des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Münster. Jeden Dienstag und Donnerstag kommen bis zu 20 wohnungslose Frauen in die Katharinenstraße. Für sie kocht Keckstein zusammen mit anderen Helferinnen Kaffee und bereitet ein Frühstück, vor allem aber hört sie ihnen zu. Die Frauen genießen es, sich in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre „ein bisschen verwöhnen zu lassen“, zu frühstücken, zu duschen oder ihre Wäsche zu waschen, sagt die 49-jährige Mutter von drei Kindern. Schon seit fünf Jahren hat Keckstein ein offenes Ohr für die Nöte der Frauen, mit denen sie gemeinsam am Frühstückstisch sitzt. Besonders schön sei, dass es einmal im Jahr einen Rollenwechsel gebe: Dann nämlich würden die wohnungslosen Frauen den ehrenamtlichen Helfern das Frühstück bereiten, und die Freude, auch einmal anderen etwas Gutes zu tun, sei ihnen ins Gesicht geschrieben, so Keckstein.

„… ich war nackt und ihr habt mir Kleidung ge­geben“
„Ja“ gesagt hatte sie damals einfach so. „Ich wurde gefragt und ich hatte Zeit, also bin ich hingegangen“, erinnert sich Marianne Rese daran, wie sie vor fünfzehn Jahren zur Caritas-Kleiderkammer St. Heinrich in Paderborn kam. Erst als sie dann vor Ort die Menschen sah, die für Kleidung anstanden, habe sie erkannt: „Das ist wirklich notwendig.“
Seitdem ist die heute 67-Jährige mit vollem Einsatz dabei, seit zehn Jahren nun auch als Leiterin. Den Menschen, die zur Kammer kommen, weil sie sich selbst keine Kleidung leisten können, soll geholfen werden. Dazu zählen auch mal ein warmes Wort und ein Händedruck. Und die Nächstenliebe zahlt sich aus: „Wenn wir sehen, wie sich manche der Bedürftigen freuen, ja, dann sind wir auch glücklich“, spricht Marianne Rese auch für ihre sechs ehrenamtlichen Helferinnen.

„… ich war krank und ihr habt mich besucht“
Petra Rödel war mit ihrem behinderten Bruder aufgewachsen, ihre evangelische Familie und ihr Pastor hatten sie geprägt – nach dem Besuch in einem Behindertenheim stand fest, dass sie Diakonisse werden will. Beruflich musste sie einen anderen Weg gehen. Seit sechs Jahren arbeitet sie im Prinzip doch als Diakonisse – ehrenamtlich beim Zwickauer Hospizdienst.
Derzeit besucht die 48-Jährige einmal in der Woche drei Kranke und betreut drei Trauernde. (Sie hilft, mit plötzlichen Wendungen im Leben umzugehen.) „Ich bin eine Außenperson, bei der die Menschen aussprechen, womit sie sich Angehörigen oder Pflegern gegenüber schwertun. Das tut gut, denn es muss raus“, sagt Petra Rödel, „Kummerkasten“ und Vermittlerin.
Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie ihre sechs Kinder allein auf: drei leibliche und drei angenommene, darunter Luciane aus Brasilien, geistig behindert. Sich intensiv Kindern, Kranken, Behinderten, Trauernden zuzuwenden – für Petra Rödel gibt es keinen Grund, diese Entscheidung in Frage zu stellen: „Ich lerne viel dabei, zum Beispiel von Behinderten die Geduld. Bei den Krankenbesuchen oder der Trauerarbeit frage ich mich oft: Wie würdest du jetzt reagieren. Auf die Weise hat mich Gott schon auf Situationen in meinem Leben vorbereitet.“

„… ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“
Hauptsächlich als Zuhörer und als „Fenster nach draußen“ sieht sich Theo Halekotte bei seinen Besuchen von Gefangenen. Er ist Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Werl, wo hauptsächlich Langzeitgefangene untergebracht sind. Neben dem Angebot von Gottesdiensten in der Anstaltskirche „St. Peter in Ketten“ – von den Gefangenen liebevoll Oase im Knast genannt – besucht Halekotte die Gefangenen auf ihren Zellen und führt dort viele Einzelgespräche mit ihnen. „Manchmal begleite ich Gefangene über viele Jahre“, sagte der Seelsorger. Manche seien schon so lange „drin“, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, wie das draußen ist. Da seien Kontakte nach draußen besonders wichtig – auch in gemeinsamen Gesprächsgruppen von Gefangenen und Nicht-Gefangenen, sogenannte Emmaus-Gruppen, die es in vielen Gefängnissen gibt.


24.05.2012
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