Monsignore Wolfgang Bender ist Polizeipfarrer und Beauftragter für die Notfallseelsorge
„Wenn wir als Menschen an unsere Grenzen kommen“
Was geht in Rettungskräften vor, wenn sie zu spät kommen, wenn sie nichts mehr für einen Menschen tun können? Wenn sie erleben, dass sie an ihre Grenzen gelangen. Polizeipfarrer Monsignore Wolfgang Bender berichtet in seinem Beitrag von vielen Begegnungen mit Einsaztkräften und davon, welche Bedeutung die Gespräche mit dem Seelsorger dabei spielen.
von Wolfgang Bender
„Christ, der Retter ist da“, heißt es im wohl beliebtesten deutschen Weihnachtslied. Retter, Rettung, retten – da fallen mir die „Deutsche Lebensrettungsgesellschaft“ DLRG oder die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ DGzRS ein. Interessant, dass es bei beiden Vereinigungen um Rettung aus dem Wasser geht, wie auch die verzweifelten Jünger auf dem „Galiläischen Meer“ zu ihrem Herrn und Meistern im Sturm schreien: „Herr, rette uns, wir gehen zugrunde.“
Gerade noch mit einer Gruppe Polizeibeamter vor wenigen Wochen bei einer Israel- und Jordanien-Pilgerreise auf dem See Genezareth gewesen, kann ich mir die plötzlichen Fallwinde lebhaft vorstellen, wie sie sich zum Sturm entwickeln und die kleine Bootsbesatzung in arge Bedrängnis bringen. Wenige Tage später feierten wir auf den Hirtenfeldern zwischen Jerusalem und Bethlehem eine heilige Messe mit den Texten des Weihnachtsevangeliums nach Lukas: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; es ist der Messias, der Herr“. Wie viele Generationen seit der Geburt Jesu haben auf diesen Christus ihre Hoffnung gesetzt auf irdische und überirdische ewige Rettung des Körpers und der Seele. Als Polizei-, Feuerwehr- und Notfallseelsorger fällt mir selbstverständlich zum Thema Retter der Rettungsdienst ein. Die Rettungsdienstmitarbeiter, die mit Blaulicht einem Verletzten zu Hilfe eilen. Zu diesen professionellen Rettern gehören selbstverständlich unsere Feuerwehrleute. Oder auch die Polizeibeamten, die nur zu oft in gefährliche Situationen geraten. Sie versehen ihren Dienst auch an den Weihnachtsfeiertagen, wenn andere feiern. Wie oft ist der herbeigerufene Polizeibeamte dann bei häuslicher Gewalt sogar Schlichter und Sozialarbeiter.
Die ganze Nation war entsetzt über den Suizid des beliebten Fußballers Robert Enke vor einigen Wochen. Wer aber denkt an die ungefähr zwanzig anderen Menschen, die sich täglich in unserem Land das Leben nehmen und an ihre Familien und Angehörigen? Wer interessiert sich in diesem Zusammenhang für die Berufshelfer, die diese Opfer bergen müssen? Wie oft erleben unsere Rettungssanitäter und Feuerwehrleute ihre geballte Hilflosigkeit, wenn die Hilfe zu spät kommt und zum Beispiel das Kind auf der Trage stirbt. Unsere Berufshelfer, auch unser ärztliches Personal, muss dies aushalten. Mancher steckt solche traumatisierenden Bilder weg und kommt damit klar. Oftmals aber bringt das hundertste Ereignis „das Fass zum Überlaufen“ und der Helfer reagiert mit posttraumatischen Belastungsstörungen.
Mitarbeiter der Notfallseelsorge stehen diesen Berufsgruppen zur Seite – präventiv vor den Einsätzen, bei den Einsätzen und bei der Nachsorge. Oftmals führen professionelle Helfer in Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst ihre Arbeit für die Menschen unserer Gesellschaft mit großem Engagement und Idealismus nicht selten aus christlichem Bewusstsein aus. Und wie oft erleben sie Situationen, in denen es keine irdische Rettung mehr gibt. Nicht nur beim Überbringen einer Todesnachricht oder bei der Begleitung von Opfern wird dann gerne der Dienst der Seelsorger herangezogen.
Besonders in Krisensituationen, wenn man einfach aus seelischer Erschöpfung nicht mehr kann, steht der Polizei- oder Feuerwehrseelsorger in einem Gespräch nach dem besonders belasteten Einsatz auch mit Verletzung oder Tod eigener Kollegen oder Kameraden zur Verfügung. Unsere Aufgabe als Seelsorger ist dann Mit-fühlen, Zu-hören, Da-sein, Aus-halten, um Gottes Beistand bitten und beten, da wir als Menschen da ganz klar an unsere Grenzen kommen.
Die Hilfskräfte spüren ihre eigene Begrenztheit und Ohnmacht und sind froh, wenn wir Seelsorger sie nicht alleinlassen und neben dem stabilisierenden Gespräch Gottes Beistand im Leid und in der Krise erbitten. Was wären wir in solchen Situationen ohne das Gebet um göttliche Hilfe. Ich kenne keinen Seelsorger, der nicht vor diesen begleitenden Einsätzen mit leidenden Menschen um Gottes Kraft und die rechten Worte bittet, weil Gott der einzige wahre Helfer und Retter ist. Betroffene und Helfer spüren in dieser einzigartigen Situation des schmerzhaften Leids die Nähe der Seelsorger als Zeichen solidarischen Handelns, als wirkmächtiges göttliches Zeichen, das im Gebet oder Sakrament sagen will: „Du bist jetzt nicht allein – Gott als Retter ist da.“ Aus dieser gleichzeitigen Ohnmacht und Wirkmächtigkeit durch Gottes Geist handeln – das ist es, was Polizei-, Feuerwehr-, Rettungsdienst- und Notfallseelsorge ausmacht: Christ, der Retter ist da – auch durch uns und in Krisensituationen heute.







