Volkskundler des Landschaftsverbandes untersuchen Reaktionen auf Kirchenumnutzungen
Wenn die Kirche dicht gemacht wird

- Ein Paradebeispiel für die Umnutzung von ehemaligen Kirchengebäuden ist die ehemalige evangelische Martini-Kirche in Bielefeld. In diesem jetzigen Restaurant „GlückundSeligkeit“ stehen auf der ehemaligen Orgelbühne jetzt Spirituosen.Foto: Vieler
Bielefeld. „Die Profanierung eines Kirchengebäudes berührt nicht nur die betroffenen Gemeindemitglieder", sagt Katrin Bauer von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL). Auf einer Pressekonferenz in Bielefeld stellte der Landschaftsverband ein neues Forschungsprojekt vor. „Kirchenumnutzungen und ihre Folgen“ untersucht, wie Menschen auf die Umnutzung ihrer Kirche reagieren.
von Gerd Vieler
Was aus ehemaligen Kirchen in Westfalen schon geworden ist, zeigte Projektmitarbeiterin Katrin Bauer. In Bielefeld ist zum Beispiel in einer Kirche ein Restaurant entstanden. In Gladbeck habe ein Elektroladen in der ehemaligen St. Pius-Kirche eröffnet, und in Münster wird die ehemalige Bonifatiuskirche als Redaktion für die Kirchenzeitung Kirche und Leben benutzt. (Der DOM hat ebenfalls in einer Reihe über solche Umnutzungen berichtet.) Um die verschiedenen Einstellungen, Meinungen und Standpunkte erfassen und analysieren zu können, wollen die LWL-Volkskundler unterschiedliche Umnutzungsprojekte in Westfalen dokumentarisch begleiten. Die Ergebnisse veröffentlichen sie in Buchform. Daneben drehen sie einen begleitenden, dokumentarischen Film, der die Umnutzungsprozesse veranschaulicht. Dabei habe in Deutschland vor allem die Bischofskonferenz bei der katholischen Kirche klare Vorgaben zur Nutzung von ehemaligen Kirchengebäuden gemacht. So könne es kaum zu so krassen Auswüchse wie etwa in den Niederlanden kommen, sagte Bauer.
Das Erzbistum Paderborn hat bereits vor einem Jahr mit einer Broschüre auf das Problem aufmerksam gemacht und den betreffenden Gemeinden Möglichkeiten vorgestellt, wie sie mit dem Problem der nicht benötigten Kirche umgehen können. Dabei stelle der Abriss einer Kirche immer die letzte Möglichkeit dar. Dabei handele es sich – und das wurde auch auf der Pressekonferenz klar – meist um Bauten, die in den 50er und 60er-Jahren entstanden sind. „Richtige, alte“ Kirchengebäude, die als Architektur auch optisch das Stadtbild prägten, seien nicht dabei gewesen. Radikal war der Entschnitt im Bistum Essen. Dort stehen fast 100 Kirchen zur Disposition.
Das Erzbistum Paderborn hat nach Auskunft der Pressestelle im Erzbischöflichen Generalvikariat 1 255 Kirchengebäude. Davon würden derzeit 19 liturgisch nicht genutzt. Elf davon würden als Gemeinderäume oder Aula genutzt. Sechs seien anderen christlichen Kirchen überlassen worden und über die Nutzung von weiteren Dreien würde derzeit beraten.
Bei der evangelischen Landeskirche von Westfalen seien, so Pressesprecherin Andrea Rose, 32 Kirchen und 73 Betstätten außer Dienst gestellt, elf davon seien bereits abgerissen.






