Der richtige Weg bedarf der Vorbereitung
Wenn der Ruf Menschen erfasst
„Was willst du?“, herrscht Jesus seine Mutter an, „meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Dann aber hat er in Kana doch seinen ersten öffentlichen Auftritt, tut, wie der Evangelist Johannes schreibt, „sein erstes Zeichen“. Welchen Weg gehen andere Menschen, bevor sie ihre Berufung öffentlich machen. Welchen Weg nehmen sie?
von Roland Juchem
Dass Jesus etwas vorbereitete, dass er Neues versprach, andere faszinierte, das war schon vorher bekannt – zumindest einigen. Immerhin hatte Johannes auf ihn aufmerksam gemacht, waren einige der Jünger des Täufers auf Jesus zugegangen, wollten mehr von ihm wissen: „Rabbi, wo wohnst du?“ Woraufhin er nur sagte: „Kommt und seht.“
Auch von Ludger Schneider wussten etliche Kollegen, dass er praktizierender Christ war, nicht nur sonntags zur Kirche ging. In seiner Heimatgemeinde in Netphen im Siegerland war er Gruppenleiter, Messdiener und Lektor. Von daher kam der Entschluss des Standesbeamten aus Harsewinkel im östlichen Münsterland, Priester zu werden, nicht ganz überraschend. „Wir haben es gewusst“, sagten die einen, „das konnte man sich denken“, die anderen. Und natürlich gab es die besorgte Frage: „Hast du dir das auch gut überlegt?“
Immerhin kommt es nicht oft vor, dass jemand seinen Status als Beamter aufgibt, mit 34 Jahren die Hörsaalbank drückt und erklärt, er wolle katholischer Priester werden. Das war 1995, als für Ludger Schneider „die Stunde gekommen“ war. Er selber sagt das so nicht und tut sich auch schwer, einen Bezug zum ersten Auftritt Jesu zu sehen.
Den Gedanken, Priester zu werden, hatte er jedoch schon „sehr lange“ gehegt. Schneider kannte junge Priester und Ordensleute, die sein Interesse geweckt hatten. Wenn aber jemand zu ihm sagte, „Du wirst bestimmt auch mal Priester“, fand Schneider das nur nervig.
Nachdem er 1986 auf dem Abendgymnasium sein Abitur gemacht hatte, bot sich dem damals 25-Jährigen zumindest theoretisch die Chance, Theologie zu studieren. Noch aber war seine Zeit nicht reif, entschied er sich für den gehobenen Dienst als Kommunalbeamter. 1991 wechselte er aus dem Siegerland als Standesbeamter nach Harsewinkel im östlichen Münsterland. Der Gedanke, Priester zu werden, blieb, wenn auch zurückgedrängt durch die Freundschaft mit einer Frau.
Dann kam er zurück – der Wunsch, einer ganz anderen Berufung nachzugehen. Gedrängt hat ihn niemand. Sein Stadtdirektor beurlaubte ihn für die zwei Jahre bis zum Vordiplom in Theologie. Dennoch waren es auch unsichere Jahre. „Nachdem ich aber die Entscheidung endgültig getroffen hatte, hatte ich ein gutes, ruhiges Gefühl“, sagt Ludger Schneider. Am 8. Juni 2003 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Bereut hat er das seither nicht. „Im großen und ganzen ist es das, was ich wollte“, sagt der 48-Jährige heute, der seit zweieinhalb Jahren Pfarrer in Hamminkeln-Dingden am Niederrhein ist.
Auch Jesus hat sich länger auf seinen öffentlichen Auftritt vorbereitet. Er war Schüler des Täufers, suchte in der Wüste seinen eigenen Weg und begann langsam, Mitstreiter um sich zu scharen. All das berichten die Evangelien. Wenn er daher in Kana zunächst seiner Mutter sagt, er sei noch nicht so weit, um dann doch sein erstes öffentliches Zeichen zu tun, so war das keinesfalls unvorbereitet.
Was den Osnabrücker Diakon Gerrit Schulte jahrezehntelang bewegt, ist die Caritas. „Es drängt dich, die Liebe weiterzugeben, wenn du selbst so von Gott geliebt wirst“, beschreibt der heute 55-Jährige sein christliches Grundgefühl. Ein „Gemeindetiger“ wie andere sei er nie gewesen, auch kein regelmäßiger Gottesdienstteilnehmer. Diese Dimensionen christlichen Lebens hat er erst später richtig kennengelernt, nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte. Zu der hat er sich über Jahre hinweg durchgerungen. Am 5. April 2003 ließ Schulte sich im Osnabrücker Dom zum ständigen Diakon weihen; seit Frühjahr 2004 arbeitet er als solcher hauptamtlich in der Domgemeinde – und ist heute unter anderem Vorsitzender der Caritas im Bistum Osnabrück.
Doch zunächst war der promovierte Publizist als Journalist und Pressesprecher bei der Caritas im münsterländischen Rheine. Später wechselte er zur Kirchenzeitung nach Hildesheim – und bearbeitete auch dort „ständig soziale und karitative Themen“. Während er als Reporter den damaligen Bischof Josef Homeyer begleitete, der vom „diakonalen Auftrag“ der Pfarrgemeinden sprach, reifte der Gedanke, selber Diakon zu werden.
1994 wechselte Schulte mit seiner Familie nach Osnabrück. Da begann er sich ernsthafter zu prüfen – „ ob ich nicht doch einen Vogel habe“, wie er salopp formuliert. Aber auch seine Frau Marion sagte: „Das ist dein Weg.“ Zusammen macht das Paar den Grund- und Aufbaukurs Theologie in einem Fernstudium an der Würzburger Domschule.
Genervt hat den angehenden Diakon eine Reaktion aus seinem Umfeld – die Frage: Was darfst du dann alles? „Statt dieser kirchenrechtlichen Frage sollte es uns doch darum gehen: Wie leben wir als Christ? Wie lebe ich meinen Glauben als Diakon, wofür stehe ich? Wie leben andere ihren Glauben, wofür stehen sie in ihm Umfeld?“ Schulte interessiert nicht, ob er als Diakon während des Hochgebetes schräg hinter dem Priester stehen darf und das „Geheimnis des Glaubens“ anstimmen darf. Er will dort stehen, im Gottesdienst an zentralem Ort „stellvertretend für Arme, Randständige und andere Menschen mit Problemen“. Heute, fast sieben Jahre nach seiner Weihe, sagt der Journalist, Ehemann und dreifache Vater von sich: „Ich bin bei mir angekommen; das ist mein Ding, meine Art Christ zu sein.“







