Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Heilige Woche der Maya in einer guatemaltekischen Provinz

Weihrauch, Honig und ein unerschütterlicher Glaube

Wasser und Feuer, Weihrauch und Honig, Blumen und ein unerschütterlicher Glaube: Das ist der Stoff, mit dem Katholiken der guatemaltekischen Provinz Alta Verapaz für eine Woche in das Leiden und Sterben Christi eintauchen. Vor drei Jahren ist diese Heilige Woche von Guatemala in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Text und Fotos: 

Thomas Wunram (KNA) 

In den Tagen von Palmsonntag bis Ostern sind die alten Bräuche und Riten der ursprünglichen Mayareligion untrennbar mit der katholischen Liturgie verschmolzen.

Wenn es dunkel wird, schlagen auf einem Hügel am Rande des Städtchens La Tinta aus einem Feuer funkensprühende Flammen und werfen zuckende Menschenschatten auf die nackte Betonwand der Kalvarienkapelle. Die Osternacht beginnt, das Finale der Semana Santa.

In einem weiten Kreis um das Feuer stehen Männer mit mächtigen Kerzen; Frauen und Mädchen haben ihr Festgewand angelegt: die Morga, einen weiten Rock, und eine kunstvoll brokatierte Bluse, die sie Huipil nennen. Sie warten auf den Padre, Dario Caal, ein kleiner Mann mit indianischen Gesichtszügen, kupferfarbener Haut und pechschwarzen Haaren. Ihm sind die Strapazen der vergangenen Woche anzusehen. Caal begrüßt die Anwesenden in Q‘eqchi‘, der Sprache der Menschen von La Tinta. Er segnet das Feuer, entzündet die Osterkerze, die Prozession setzt sich in Bewegung. Es geht hinab in das Städtchen zur Wallfahrtskirche der heiligen Katharina. 

Der Zug wirkt bedächtig, still. Einige Frauen beginnen leise zu singen. Der Tross ignoriert – so gut es geht – den ohrenbetäubenden Lärm, der ihm aus einigen offenen Hallen entgegendröhnt. Die Katholiken nehmen diese Störversuche ihrer Feier durch radikale evangelikale Gruppen gelassen. Anders als in der Hauptstadt, wo die Zahl der Katholiken nur bei geschätzten 40 Prozent liegt, ist die große Mehrheit der indianischen Bevölkerung von Alta Verapaz katholisch. 

Je weiter die Prozession in das Städtchen zieht, desto mehr Menschen schließen sich an. Vor der schmucklosen Fassade der Kirche drängen sich schließlich weit über Tausend Gläubige.

Im Kirchenraum ist die Luft zum Schneiden dick. Der Geruch Hunderter Paraffinkerzen mischt sich mit Weihrauch und dem Schweiß der Gläubigen. Holzkohle, die den Weihrauchbaum beheizt, bringt dessen Harz zum Schmelzen – zugleich wird die Flüssigkeit mit Gewürzen, Kräutern und Honig vermischt. Eine junge Frau singt das Osterlob in Q‘eqchi‘. Anschließend drängen alle zum Taufbecken. Sie wollen ihre Osterkerzen darin segnen, deren Schein ihnen Trost spendet, wenn in den armseligen Hütten der Kaffeebauern geboren und gestorben wird. Sie werden sie immer sonntags anzünden, um ihrem tristen Alltag einen Rhythmus zu geben. In dieser Nacht werden 30 Erwachsene getauft. Im Hochamt am nächsten Tag sind es 80 Kinder.

Mitternacht ist längst vorbei und die Kirche leer. Die Menschen drängen sich in das Pfarrzentrum. Dort haben Frauen Tortillas und Tamal, den im Maisblatt gedünsteten Maisteig, zubereitet. Dazu gibt es heißen Kakao und Kaffee. Viele Familien werden hier den Rest der Nacht verbringen, um am Ostermorgen den langen Fußweg zurück in ihre Dörfer anzutreten.

Viele von ihnen sind schon vor einer Woche hierher nach Alta Verapaz gekommen: Seit Palmsonntag sind fast zu jeder Tages- und Nachtzeit betende Menschen in den Straßen. 

Von Montag bis Gründonnerstag gibt dabei das Mayakreuz die Richtung der Kreuzwegprozessionen vor. Jeweils vor Morgengrauen versammelt sich die Bruderschaft der Cucuruchos zu den „Velaciones“ – zur stillen Andacht in der Kirche. Die Männer streifen ihre violetten Kutten über, dann knien sie im Gebet versunken vor der Statue des Kreuz tragenden Jesus, den sie nach dem Urteilsspruch des Pilatus El Nazareno nennen: eine Holzfigur, unter der schweren Last des Kreuzes gekrümmt, dornenbekrönt, bekleidet mit einer weißen Tunika und fest verschraubt auf einem Tragegestell. 

Nach Sonnenaufgang gibt der Bruderschaftsmeister das Zeichen zum Aufbruch. Die Cucuruchos setzen ihre spitzen Hüte auf, und acht Männer treten an das Tragegestell. Umhüllt von Weihrauchschwaden und begleitet von Frauen mit kunstvollen Blumengestecken setzt sich ein feierlicher Zug in Bewegung. Es geht über den quirlig-lauten Markt – an diesem Montag nach Palmsonntag nach Osten. Im Hof eines Tischlers ist nach 30 Minuten die erste Rast: „Jesus wird zum Tode verurteilt.“ Die Menschen meditieren die Kreuzwegstation. Anschließend reichen die Hausleute Becher mit Kakao zur Stärkung und Honigbrot, das Zeichen der Gastfreundschaft in Guatemala. So geht es weiter von Station zu Station. Erst gegen Sonnenuntergang kommt der Zug zurück in die Kirche – um dann am nächsten Morgen erneut aufzubrechen.

Mit der Nacht zum Karfreitag strebt die Heilige Woche ihrem Höhepunkt entgegen. Nach der Eucharistiefeier spielen Jugendliche vor Hunderten Zuschauern die Abendmahl-Szene nach: Jesu Gebet in Getsemani, die Gefangennahme und das Verhör des Hohenpriesters. Dann wird es ruhig in dem Städtchen.

Und während die Alten sich noch einige Stunden Schlaf gönnen, verwandeln Jugendliche die drei Kilometer lange Straße zwischen Kirche und Kalvarienkapelle in einen bunten Teppich. Mit gefärbtem Sägemehl und Schablonen legen sie Ornamente und Symbole für den großen Kreuzweg. 

Am nächsten morgen ist die Straße von einer Militäreinheit bewacht. Es handle sich um eine „vertrauensbildende Maßnahme“, erklärt Padre Dario nicht ohne Ironie. Denn der Terror und die Massaker, die das Militär in dem dreieinhalb Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg über die indianische Bevölkerung gebracht haben, sind nicht vergessen.

Punkt neun setzt sich die Karfreitagsprozession in Bewegung und sprengt alles vorher Dagewesene: Ein Meer von Blumen umrahmt eine überlebensgroße Jesus-Figur. Sie muss von 24 Männern getragen werden. Die Prozession zieht der Kalvarienkapelle entgegen. Und noch während sie dort ankommt, beginnt an der Pfarrkirche ein packendes Schauspiel. Die Jugendlichen setzen ihr Passionsspiel fort: Nun von Pilatus verurteilt, treibt eine Horde berittener Legionäre und grobschlächtiger Knechte Christus mit Fußtritten und Peitschenhieben zum Kalvarienberg. Staub, Schweiß und Geschrei, Hitze und Hass hüllen ihn ein. Mit Gewalt drängen die römischen Legionäre Zuschauer an den Straßenrand zurück. Und die werden, von diesem dramatischen Realismus gepackt, zu Mitspielern, zu Schaulustigen der Kreuzigung eines Gerechten vor 2000 Jahren.

Auf dem Hügel von Kalvaria sind die Kreuze aufgerichtet. Und mit dem Todesschrei des Jesusdarstellers wird es still in La Tinta. Wenige nur sind in der düsteren Kalvarienkapelle geblieben, um mit dem Priester die Karfreitagsliturgie zu feiern. Ein schlichtes Holzkreuz liegt auf dem nackten Betonboden. Mit Küssen und Tränen bringen alte Frauen dem Gekreuzigten ihre Zuneigung.

Allzu gut verstehen sie seinen Schmerz. Sie kennen ihn aus eigener, bitterer Erfahrung. Der Gekreuzigte war ihnen Trost, als die Todesschwadronen kamen. An ihm halten sie sich fest, wenn Dürre oder Wolkenbrüche die spärliche Ernte vernichten und wieder Hunger droht. Sie verstehen den Gekreuzigten. Und der Gekreuzigte, das wissen sie, der Gekreuzigte versteht sie. Auch Padre Dario versteht die Sorgen dieser Menschen. Er ist einer aus ihrem Volk. Und für dieses Volk hofft er auf einen eigenen Ostermorgen.


24.05.2012
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