Aktuelle Ausgabe
2012-20

Durch das kleine Dorf in der Warburger Börde wandern im Advent die Krippensänger

Weihnachtssingen in Willegassen

Krippenbauerin Gertrud Leppert und Ortsvorsteher Karl Michels.

Willegassen. Es ist mit das kleinste Dorf in der Warburger Börde: Willegassen. 70 Bürger leben in dem Dorf am Stadtrand von Willebadessen.  

von Sandra Wamers 

Hausnummern ersetzen in Willegassen Straßennamen. Die Ortsmitte wird von dem 1976 erbauten Glockenturm dominiert. Dort, wo einst die Schüler auf den Bus warteten, harren seit dem ersten Advent zum ersten Mal lebensgroße Krippenfiguren. Die Krippe im Glockenturm ist der In-Treff im Advent: Abends Schlag sechs schwärmen die Willegassener aus. Erst wird angeklopft, dann angestimmt: Gedichte, Geschichten und Lieder rund um Christi Geburt.

Bei ihrem Adventssingen gehen die Willegassener nicht willkürlich um. Die Route ist genau festgelegt, denn vor sechs Jahren hatte Gertrud Leppert genau nachgezählt. „Exakt 24 Häuser – das passt“, sagt die passionierte Reiterin. Wann welches Haus besungen wird, das wird eine Woche vor dem ersten Adventssonntag ausgelost. „Nach der Losung öffnen wir in der Adventszeit jeden Tag eine andere Tür“, erzählt die 59-jährige Krankenschwester. Die Willegassener haben kurzerhand ihr Dorf zu einem Adventskalender umfunktioniert.

Jeden Abend im Advent wird an eine andere der 24 Türen angeklopft. Dann wird gesungen, gedichtet oder eine Weihnachtsgeschichte erzählt. „Hinein gehen wir aber nicht“, erzählt Gertrud Leppert. Auch wird kein „Schnappes“ ausgeschenkt, noch ein langes Stelldichein zelebriert. „Eine Viertelstunde dauert die Aktion. Das ist relativ kurz, dafür trifft sich die Gemeinschaft regelmäßig“, erklärt Gertrud Leppert. Genau um diesen Gemeinschaftssinn geht es. Deshalb wird seit sechs Jahren das Adventssingen gepflegt. „Im Sommer, wenn es noch hell ist, trifft man sich abends noch öfters“, erzählt Jürgen Leppert. Im dunklen und kalten Winter hingegen nur selten. Diese Kontaktarmut sollte sich durch das Adventssingen ändern. Und es hat funktioniert. „Wer Zeit hat, geht mit“, sagt Gertrud Leppert. Jeder kann, niemand muss, viele wollen. Bis zu 30 Sänger von den 70 Dorfbewohnern sind zum Adventssingen unterwegs. In diesem Jahr hat es für die Willegassener Sänger darüber hinaus eine Überraschung gegeben.

Treffpunkt für die Adventssänger ist traditionell der Glockenturm, wo um 7, 12 und 18 Uhr das Geläut erklingt. Am ersten Aventssonntag staunten die Willegassener nicht schlecht: In dem 35 Jahre alten Glockenturm hatten sich Maria, Josef und das Jesuskind zwischen Strohballen einquartiert. „Mit der Krippe wollten wir unsere Mitbürger überraschen“, sagt Gertrud Leppert. Sie hat die Figuren aus Zaunpfählen, Hasendraht und Styropor kreiert. „Die Stoffe habe ich aus der Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt bekommen.“ So liegt das Christkind nun warm eingewickelt in echter Leinenwindel in seinem Strohbett.

Jeden Abend bis zum großen Fest werden die Willegassener sich Schlag 18 Uhr vor der Krippe einfinden, um zum Singen auszuschwärmen. „Am 23. wird es etwas länger werden“, kündigt Karl Michels, Ortsvorsteher und Vorsitzender der Dorfgemeinschaft, mit einem Augenzwinkern an. Dann ziehen die Adventssänger zur Gastwirtschaft Beller am Ortseingang. Eine Kneipe für 70 Dorfbewohner – kann das sein? „Beller ist in der Tat ein Privatclub“, sagt Jürgen Leppert verschmitzt grinsend. Geöffnet wird das Wirtshaus nur, wenn sich genug Leute zusammenfinden und gemeinsam anklopfen. So wie beim Adventssingen. „Dann trinken wir bei Beller Glühwein“, sagt Gertrud Leppert – oder Flaschenbier. 

Und zum Anstoßen haben die Willegassener einen Grund:  Sie wurden bei dem diesjährigen „Unser Dorf hat Zukunft“-Wettbewerb mit dem Sonderpreis von 250 Euro ausgezeichnet. Der Grund der Prämierung: Der Gemeinschaftssinn, der unter anderem beim Adventssingen Gestalt annimmt.

 

 


24.05.2012
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