Gedanken zum Evangelium
Was den Verstand übersteigt
In der Auferweckung des Lazarus wirkt Jesus ein Wunder, das sich mit der menschlichen Vernunft nicht erklären lässt.
von Sr. Katharina Mock
„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Mit diesen Worten bringen Maria und Marta, die Schwestern des Lazarus, ihre Enttäuschung und ihr Unverständnis zum Ausdruck, weil Jesus auf ihre Nachricht von der Erkrankung des Bruders nicht reagiert hat.
Eine solche Reaktion kenne ich auch aus meinem eigenen Leben. Öfter ertappe ich mich dabei, enttäuscht zu sein, wenn ein Gebet nicht so erhört wird, wie ich es mir vorstelle. Oder ich höre, sehe oder lese Nachrichten aus aller Welt. Da wird berichtet von Naturkatastrophen, Gewalttaten oder Unglücken. Immer wieder erfahre ich im Alltag auch von persönlichen Schicksalen: Da erkrankt ein kleines Kind an Krebs. Ein junger Mann, der gerade Vater geworden ist, wird mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Viele andere Beispiele ließen sich anführen.
Da stellt sich mir und nicht nur mir die Frage: Wie kann denn Gott so etwas nur zulassen? Ist er denn nicht der Allmächtige, der Grenzen überschreiten kann; auch die, die uns durch Raum und Zeit gesetzt sind? Die Schwestern des Lazarus denken da nicht viel anders. Jesus, der in vielen wunderbaren Zeichen seine Macht geoffenbart hat, hätte doch verhindern müssen, dass ihr Bruder stirbt.
Jesus aber entspricht nicht diesem Denkmuster. Er geht ganz bewusst nicht nach Betanien, als er von der Erkrankung seines Freundes erfährt, sondern bleibt noch zwei Tage in der Jordangegend. Seinen Jüngern sagt er, dass diese Krankheit nicht zum Tode führen wird und Lazarus nur schläft. Als Jesus mit seinen Jüngern schließlich doch nach Betanien aufbrechen will, verstehen auch die Jünger die Welt nicht mehr. Sie fragen, meiner Meinung nach mit Recht, warum will Jesus nach Betanien gehen, wenn Lazarus nur schläft und warum will er sein eigenes Leben in Gefahr bringen? Hier übersteigt Jesu Tun den Verstehenshorizont seiner Jünger und auch den von mir. Erst als Jesus Klartext mit ihnen redet und ihnen sagt, dass Lazarus gestorben ist, sind die Jünger bereit, mit ihm zu gehen und, wie Thomas sagt, mit ihm zu sterben.
Der Text des Sonntagsevangeliums berichtet von einer Entscheidungssituation im Leben Jesu. Er befindet sich auf der Zielgeraden seiner Sendung. Deshalb ist für ihn wichtig, mit der Auferweckung des Lazarus von der Macht Gottes Zeugnis zu geben. Auf dem Weg nach Golgota offenbart er sich Marta als die Auferstehung und das Leben. Doch Marta begreift diese Worte noch nicht. Als Jesus darum bittet, den Stein vom Grab zu nehmen, warnt sie ihn: „Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag“. Im Handeln Jesu zeigt sich nun der Wahrheitsgehalt seiner Worte: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Er ruft den Lazarus aus dem Grab heraus und erweckt ihn zum Leben. Auch wenn es hier nur um eine Lebensverlängerung auf Zeit geht, wird an diesem Tun deutlich, hier ist einer, der die Grenzen unserer Natur außer Kraft setzt. Hier ist einer in direkter Verbindung zum Herrn aller Mächte und Gewalten, zum Herrn allen Lebens. Viele der Zeugen der Auferweckung des Lazarus kamen zum Glauben an Jesus, so schildert es Johannes. Beim Hören dieses Evangeliums wünsche ich mir trotz vieler offener Fragen, zu einem solchen Bekenntnis zu gelangen, wie es Marta ausgesprochen hat: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“







