Aktuelle Ausgabe
2012-20

Direktor Auffenberg ist in Elkeringhausen den Bedürfnissen der Menschen auf der Spur

Was braucht der Mensch: Wohlstand oder Einfachheit und Wurzeln?

Ullrich Auffenberg wurde 1949 in Paderborn geboren und dort 1974 zum Priester geweiht. Bis 1979 war er Vikar in Möhnesee-Körbecke, anschließend Regionalvikar im Hochstift. 1982 wurde er Diözesanpräses der Landjugend und gleichzeitig Pastor in Siddinghausen. Bis 1992 leitete er als Rektor das Jugendhaus Hardehausen, dort gründete er auch den Jugendbauernhof. Danach war er 11 Jahre lang Pfarrdechant in Rheda-Wiedenbrück. Seit 2003 ist er Geistl. Rektor und seit 2008 zusätzlich Direktor der Bildungsstätte St. Bonifatius in Winterberg-Elkeringhausen.

Die Antwort auf die Frage, was die Menschen wirklich brauchen, bestimmt einen großen Teil der Arbeit in der Bistums-Bildungsstätte St. Bonifatius in Elkeringhausen. Deren Direktor Pfarrer Ullrich Auffenberg muss nicht lange überlegen, wenn er zentrale Antworten auf diese Frage sucht. Bestimmen sie doch sein tägliches Mühen um ein ausgewogenes Programm. Das richtet sich genau an die Bedürfnisse der Menschen jenseits von Wohlstand und Konsum.

von Ullrich Auffenberg

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.“ Mit dieser Grundhaltung, formuliert von Bischof Hemmerle, versuchen wir in der Bildungsstätte den Gästen zu begegnen. Wir haben kein festes Repertoire  von Lebensrezepten und Lehrsätzen, sondern in erster Linie ein offenes Ohr und ein hörendes Herz, um wahrzunehmen, was Menschen leiden und hoffen lässt. An vier Lebenskomplexen möchte ich diese dialogische Arbeit beispielhaft beschreiben.
Menschen fühlen sich oft entwurzelt und sind auf der Suche nach einem Zuhause für die Seele. Krisen wie der Tod eines lieben Menschen, eine Trennungsgeschichte oder einfach das Gefühl, ein Leben lang auf der Suche zu sein und nie bei sich selbst anzukommen, lösen dieses Empfinden von Heimatlosigkeit aus. Kürzlich rief ein 23-Jähriger an und fragte: „Haben Sie Seminare für junge Männer? Ich möchte endlich wissen, wer ich bin und was ich für andere bedeute.“
Unsere Kursreihen zur Identitätsfindung bemühen sich, diese Suchbewegungen zu verstehen und in gemeinsamen Prozessen das eigene Selbst mit Erkenntnissen wie diesen zu stärken: „Du darfst sein, wie Du bist. Der Platz, den Du im Leben einnimmst, den nimmt sonst kein anderer ein. Er ist Dir von Gott zugewiesen.“
„Was ist das tragende Fundament einer Partnerschaft? Ist Liebe beständig? Welche Werte vermitteln wir unseren Kindern in dieser Angebotsgesellschaft?“ Solche und ähnliche Fragen stehen oft unausgesprochen im Raum. In zahlreichen Paar- und Familienseminaren wird versucht, guten und schweren Erfahrungen, Hoffnungen und Befürchtungen auf vielfältige Weise Ausdruck zu verleihen sowie eigene psychische und spirituelle Recourcen zu entdecken, aus denen man schöpfen kann.
„Kommt der Körper in Bewegung, entkrampfen sich auch Geist und Seele.“ Diese Weisheit antiker Philosophen ist aktueller denn je. Der an unserer Bildungsstätte vorbeiführende Rothaarsteig des Sauerlands wird jährlich von 1,2 Millionen Wanderern begangen. Viele leiden unter Verfettung und elektronischer Vermüllung durch die Wohlstandsgesellschaft und sehnen sich nach Einfachheit und Erleben von Naturpanoramen. Einladungen zu Hochgebirgsexerzitien, zu Pilgerwegen oder Wallfahrten erfreuen sich deshalb in unserem Programm großer Resonanz.
Hier erfährt sich der Mensch als Teil der Schöpfung, mit seinem kleinen Ich angeschlossen an das große Leben. So wird der äußere Weg zur inneren Reise ins Haus der Seele, die Zuversicht spendet für den Alltag. „Himmelskraft am Rothaarsteig“, ist ein Name für diese erlebnisorientierte Bildungsarbeit und Seelsorge.
„Ohne den Sprung in den Glauben wäre das Leben nicht auszuhalten.“ So lautet das Lebensresümee des dänischen Philosophen Sören Kierkega­ard.
Kürzlich äußerte ein Rettungsassistent: „Wenn ich an einen Unfallort komme und verletzte Menschen im Fahrzeug eingeklemmt sehe, dann gehe ich für einen Augenblick in mich hinein und spreche schweigend: Oh Gott, sei jetzt bei mir und bei diesen Menschen.“
Der Abwanderung vieler Zeitgenossen aus den Gottesdiensten der etablierten Kirchen entspricht auf der anderen Seite eine zunehmende Suche nach religiöser Verwurzelung. Wir erleben sie bei Gästen, die beruflich oder persönlich mit Grenzsituationen des Lebens konfrontiert sind. Mitarbeiter, die in Kliniken, Hospizen, Pflegeheimen oder zu Hause mit Sterbebegleitung zu tun haben, bedürfen dieser Verankerung in der absoluten Dimension des Daseins. Sie gibt ihnen Sicherheit.
Trauernde oder von anderen Krisen geschüttelte Menschen möchten ihre Tränen und Klagen abfließen lassen in die höhere Instanz des Lebens. Denn in der wissen sie diejenigen, die sie verloren haben, aufgehoben. Unterschiedliche, jeweils an die Situation der Betroffenen angepasste Rituale verhelfen dann dazu, loszulassen und abzugeben an Gott.


24.05.2012
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