Aktuelle Ausgabe
2012-20

Seligpreisungen sind Anforderung an den Alltag

Wahrheit, an der nichts vorbeigeht

Friedensarbeit auf dünnem Boden: Birgit Henseler (zweite von links) in Jerusalem.

Selig, die keine Gewalt anwenden, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit und die Frieden stiften, sagt Jesus in seiner berühmten Bergpredigt. Auch wenn dieser Text in den Ohren vieler Menschen utopisch klingen mag, motiviert er doch viele Christen, sich einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden. So auch Barbara Hoffmann-Neeb (70) und Birgit Henseler (46). Wie lesen und verstehen sie die Seligpreisungen?


von Ulla Evers
und Barbara Schmidt

„Meine Güte, wo kann man schon Frieden stiften?“, fragt Barbara Hoffmann-Neeb mit Blick auf die Seligpreisungen der Bergpredigt. Dabei ist sie selber „ein Kriegskind“, Jahrgang 1939. Die Bombennächte in ihrer Heimatstadt Wuppertal hat sie nie vergessen. Als sie 1944 aus dem zerbombten Wuppertal zur Erholung ins damals noch ruhige Thüringen kam, haben die Menschen „gar nicht verstanden, wieso wir so rappelig waren, so nur aus Angst zusammengesetzt“, erinnert sich Barbara Hoffmann-Neeb, die heute in Offenbach am Main lebt.
Deshalb kann sie selbst es heute gut nachvollziehen, warum viele Menschen keinen Anlass mehr sehen, sich in Deutschland aktiv für den Frieden einzusetzen. Den meisten gehe es wie damals: „Solange einem die Bomben nicht auf den eigenen Kopf fallen, gibt’s keinen Krieg.“ Doch die Not der anderen gehe immer so nahe, wie sie man an sich heranlässt.
Barbara Hoffmann-Neeb hat sich schon manche Not zu eigen gemacht. Das gilt für ihr Engagement bei der katholischen Friedensbewegung Pax Christi genauso wie für ihren Einsatz für Flüchtlinge. „Ich frage mich nicht dauernd: Wie kann ich das Evangelium leben?“, sagt die 70-Jährige mit einem Lächeln. Dennoch ist sie überzeugt: Die Bergpredigt ist keineswegs nur etwas für Sozialromantiker, sondern echte Hilfe zum Leben. „Wer sagt, es lohne sich nicht, so zu leben, dem würde ich sagen: Da hast du vielleicht nicht richtig gelesen.“
Seit mehr als 20 Jahren ist Barbara Hoffmann-Neeb für Pax Christi aktiv. Ein wichtiger Impuls war die Begegnung mit zwei Männern aus Weißrussland in der Zeit, als der Eiserne Vorhang langsam Löcher bekam. Über das Friedensengagement wuchs ihr auch der Einsatz für Flüchtlinge zu. Konkrete Hilfe im Einzelfall, etwa die drohende Abschiebung einer kurdischen Familie, die sie mit ihren Mitstreitern verhindern konnte, stand anfangs im Vordergrund. „Mit der Zeit sind wir dann mehr auf der politischen Ebene aktiv geworden“, sagt Barbara Hoffmann-Neeb. Mit Demonstrationen vor dem Offenbacher Abschiebegefängnis zum Beispiel.
Jeder sei im Kleinen gerufen, etwas zu tun, liest Hoffmann-Neeb aus den Worten Jesu. Das Friedenslicht weiterreichen, für die Rechte von Flüchtlingen einzutreten, auch wenn andere den Kopf schütteln mögen. … Und sie wünscht sich, gerade junge Leute mögen neu entdecken, dass sich das lohnen könnte. Für andere und für einen selbst. Sie ist überzeugt: Die Seligpreisungen gelten nicht erst dem Jenseits. „Selig sein – das ist für mich auch etwas, was in der Gegenwart spielt.“
Wenn Birgit Henseler die Seligpreisungen hört, denkt sie als erstes: „Was für schöne Poesie“ Doch der Gesichtsausdruck der schmalen Frau mit dem halblangen brünetten Haar wird ernst, als sie erzählt, „wie gefährlich und lähmend es sein kann, wenn man versucht, meine Lieblingsverse umzusetzen: Frieden und Gerechtigkeit.“ Die 46-Jährige ist nach zweieinhalb Jahren von Jerusalem nach Hamburg zurückgekehrt. Sie hatte sich für diese Zeit als Koordinatorin für Friedensarbeiter in Israel verpflichtet. Die Spannungen zwischen den Völkern und Religionen sind in diesem Land alltäglich zu spüren.
„Ich habe nicht unbedingt täglich Angst vor Anschlägen gehabt, aber der ganz normale Umgang mit den Menschen birgt schon Aggressionspotential.“ Ein Mechaniker, der ihr Auto reparierte, verwickelte sie als Deutsche in ein Gespräch über die Problematik im Gazastreifen. „Da habe ich sehr genau überlegt, was ich sage. Hätte ich zum Beispiel den Krieg Israels gegen die Palästinenser verurteilt, kann das beim Gegenüber Wut und Hass provozieren. Ich weiß ja nicht, aus welchem Interesse heraus der Mann mich gefragt hat.“
Deshalb sind die Seligpreisungen für Birgit Henseler ein Korrektiv, um nicht in eine radikale Position zu geraten. „Für mich fasst die Rede Jesu sein ganzes Leben zusammen“, sagt sie. „Die Seligpreisungen sprechen eine Wahrheit aus, an der wir nicht vorbeikommen. Wenn Menschen wirklich versuchen, danach zu leben, merken sie erst, wie unheilbar die Welt ist.“ Oft sei sie frustriert gewesen, habe sich gefragt, was ihre Arbeit bewirke. „Aber was wäre, wenn wir die Arbeit dort nicht täten?“, entgegnete ihr ein Kollege. Ein Trost war diese Frage für die Theologin nicht wirklich.
Die Seligpreisungen, so das Fazit der Friedensarbeiterin, fordern die Menschen zu einem Kraftakt heraus, nämlich die Zweideutigkeit dieser Welt auszuhalten. „Jeder, der sich wenigstens einen Vers zu Herzen nimmt, tut etwas Gutes. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Zustände in Israel in den zweieinhalb Jahren verschlechtert haben, obwohl in diesem Land viele Menschen für den Frieden im Sinne der Seligpreisungen arbeiten.“


24.05.2012
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