Gedanken zum Evangelium
Von Sünde und Schuld geprägt

Viele lassen sich heute nicht gerne an Schuld und Sünde erinnern. Wir lassen uns das schöne Bild, das wir von uns selber haben, nicht gerne trüben, so warnt Burkhard Neumann, Direktor im Johann-Adam-Möhler- Institut für Ökumenik in Paderborn. Doch, so betont Pastor Neumann im Blick auf den Römerbrief des Apostels Paulus: heil werden wir nicht durch unser Bemühen, sondern allein aus der Liebe Gottes, wie sie uns Jesus am Kreuz offenbart.
Es gibt verschiedene Gründe, warum Texte aus der Bibel uns fremd erscheinen und nicht sofort zugänglich sein können. Ein Grund ist sicherlich der Abstand, der uns von ihnen trennt. Die Zeit, in der sie verfasst wurden, liegt mehrere Jahrtausende zurück, und so brauchen wir oft erst eine Erklärung, die uns hilft, den Text von damals in unsere Zeit zu übertragen und zu verstehen, was er meint. Ein anderer und wohl gewichtigerer Grund kann aber auch darin liegen, dass die Bibel etwas sagt, was wir nicht hören wollen, was uns in Frage stellt, dass sie uns etwas zumutet, was zunächst einmal unangenehm ist. Dann auf die Bibel zu hören, sich etwas von ihr sagen zu lassen, ist schwieriger als die neutrale, sachliche Übersetzung eines Textes in unsere Zeit. Denn da geht uns der Text direkt an, werden wir persönlich angesprochen und herausgefordert, und gerade da können wir tausend Ausreden finden, um nicht wirklich zuzuhören.
Diese beiden Gründe gelten wohl auch und gerade angesichts des kurzen Lesungstextes aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom. Er fasst in wenigen und sehr dichten Worten das zusammen, was man als die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders bezeichnet. Und diese Lehre ist nicht nur ein wesentlicher Teil des Glaubens und Lebens der Kirchen der Reformation, sondern sie hat, wie gerade am Römerbrief des Paulus deutlich wird, allen Christen etwas zu sagen. Im Gegensatz aber zu der Bedeutung, die diese Lehre von der Rechtfertigung für Paulus hatte, ist sie den Menschen von heute zunehmend fremd geworden. Das liegt eben zum einen an der Fremdheit der Bilder und Begriffe, die hier verwendet werden. Denn wenn wir in unserem alltäglichen Sprachgebrauch von „Rechtfertigung“ reden, dann meinen wir etwas, was wir Menschen tun, indem wir uns anderen gegenüber rechtfertigen für das, was wir gesagt oder getan haben. Paulus aber geht es umgekehrt gerade um das, was Gott in Jesus Christus für den Menschen tut. Es ist nicht der Mensch, der sich rechtfertigt, sondern es ist Gott, der am Menschen handelt, der ihm etwas schenkt, was wir Menschen von uns aus gar nicht erlangen können. Und das, was er ihm schenkt, nennt Paulus an dieser Stelle „Gerechtigkeit“. Aber damit meint er mehr als das, was wir in unserem Alltagsleben als Gerechtigkeit verstehen, wenn etwa aktuell von der Generationengerechtigkeit die Rede ist. Gerechtigkeit bedeutet da nichts weniger als das Heil oder das Leben, das Gott uns Menschen schenken will und das nur er allein uns schenken kann.
Aber in dieser Rede von der Gerechtigkeit, die Gott uns schenkt, steckt zugleich ein anderer Grund, der es uns schwer macht, diesen Text anzunehmen. Denn wenn Gott uns gerecht macht, dann heißt das doch, dass wir vorher nicht gerecht waren. Und genau darauf besteht Paulus, wenn er sagt, dass „alle gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ haben. Ganz klar und deutlich betont er im ganzen Römerbrief, dass alle Menschen sündig sind, dass sie buchstäblich verloren sind, dass sie ihr Leben aus eigener Kraft nicht wirklich gut machen können, dass ihr Leben sie von Gott trennt. Und das ist wohl der gewichtigere Grund, warum wir Menschen uns heute so schwer tun mit der Botschaft von der Rechtfertigung. Denn sie sagt eben nicht, dass wir Menschen eigentlich ganz in Ordnung sind, dass wir ruhig so weitermachen dürfen wie bisher, sondern sie stellt uns vor Augen, dass wir in einer Welt leben, die von Sünde und Schuld geprägt ist und das wir darin unlöslich verstrickt sind – so verstrickt, dass nur Gott selbst uns heraushelfen und daraus befreien kann. Sich das von der Bibel sagen zu lassen, ist sicherlich nicht einfach. Denn es zerstört das schöne Bild, das wir gern uns von uns selbst haben. Aber zu erkennen, dass wir Menschen uns selbst etwas vormachen, wenn wir meinen, uns selbst ganz und gar gut und heil machen zu können, gerade das lässt uns auch erkennen, was Paulus den Christen in Rom als frohe Botschaft, als Evangelium schreibt: dass Gott uns ohne unser Verdienst, ohne unser Zutun, „gerecht“ und das heißt gut und heil gemacht hat durch Jesus Christus, und zwar einfach so, weil wir ihm wichtig sind, weil er uns liebt. Und wenn wir das wirklich erkennen, dann ist der zunächst so fremde Begriff der Rechtfertigung für uns auf einmal ganz aktuell geworden.
Dr. Burkhard Neumann,
Direktor im Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik,
Paderborner Str. 23,
33189 Schlangen






