Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Vom Hosanna zum Crucifige

Schwester Maria Andrea Stratmann, Bergkloster, 59909 Bestwig

Wir wissen, wie es bei großen Staatsempfängen zugeht, wie viel Pomp, wie viel Medienpräsenz da aufgeboten wird. Ist unsere Vorstellung vom Einzug Jesu in Jerusalem unbewusst durch ähnliche Bilder geprägt, so fragt Schwester Maria Andrea Stratmann vom Bergkloster Bestwig.

von Sr. M. Andrea Stratmann

Wir kennen Bilder, die einen festlich gekleideten Jesus auf einem Esel reitend darstellen. Menschen breiten ihre Kleider auf dem Boden aus, halten Palmzweige in den Händen und jubeln Jesus mit Hosanna-Rufen zu. Die Realität damals müssen wir uns wahrscheinlich einige Nummern kleiner vorstellen.
Jesu Zeit auf Erden geht ihrer letzten Vollendung entgegen. Nach dem Evangelisten Markus folgt der Einzug Jesu in Jerusalem unmittelbar auf die Heilung des Blinden Bartimäus bei Jericho. Bartimäus wird sehend, nicht nur körperlich, sondern er erkennt den Weg Jesu, den er nun mitgeht, hinauf nach Jerusalem. Jesus weiß, dass ihn dort nicht Glanz und Gloria erwarten. Die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern hat sich längst zugespitzt. Warum gibt er in dieser Situation seinen Jüngern diesen seltsamen Auftrag, einen jungen Esel auszuleihen, damit er auf dem Rücken dieses Tieres in die Stadt einreiten kann.
Für Markus erfüllt sich hier eine alttestamentliche Verheißung des Propheten Sacharja: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (9,9) Vielleicht hat auch dieses Prophetenwort die königlichen Darstellungen beeinflusst. Und dass Jesus als „Herr“ bezeichnet wird, heißt im Kontext der Bibel: Er ist der Kyrios, letzte und unbedingte Autorität. Er ist der erwartete Sohn Davids, der Messias. Doch dieser Kyrios kommt nicht auf einem Schlachtross. Er kommt nicht als politischer Messias, der Jerusalem vom Römerjoch befreien wird. Nein, er kommt demütig, als Friedensfürst. Er vernichtet Kriegsgerätschaften und bringt wirklichen Frieden – allen Menschen guten Willens. Dass er auf einem jungen Esel reitet, verdeutlicht, dass das Tier noch nicht für profane Zwecke gebraucht wurde und so im religiösen Bereich eingesetzt werden kann.
Es sind wohl die Jünger und weitere Anhänger Jesu, die ihm von Galiläa aus gefolgt sind, die ihre Kleider ausbreiten und Jesu Einzug in die heilige Stadt zu einem Triumphzug machen wollen, nicht die Bewohner Jerusalems. „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ In seiner ursprünglichen Bedeutung meint „Hosanna“ „Bring doch Hilfe!“, wie es in Psalm 118 heißt: „Ach, Herr, bring doch Hilfe! Ach, Herr, gib doch Gelingen! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn ...“ Später wurde daraus mehr eine liturgische Formel. Doch wenn mit Jesus das „Reich unseres Vaters David“ anbricht, dann steht dahinter die Erwartung, dass Jesus Hilfe bringt.
Die Spannung im Palmsonntagsgottesdienst ist nicht aufzulösen: einmal der Jubel des Hosanna und zum anderen der Passionsbericht. Es ist nicht mehr weit vom „Hosanna“ des Palmsonntags bis zum „Crucifige!“ – „Kreuzige ihn!“ am Karfreitag. Jesus geht seinen Weg konsequent weiter. Weder Jubel- noch Schmährufe können ihn davon abbringen, der Sendung vom Vater treu zu bleiben.
Wir sind heute gefragt, jede und jeder von uns: Welches Jesusbild bestimmt meinen Glauben und entsprechend mein Handeln? Es kostet vielleicht nicht viel, mich zu ihm zu bekennen, wenn er bejubelt wird oder wenn ich mich mit meinen Bitten an ihn wende. Doch mich zu dem Leidenden zu bekennen, dem der wütende Ruf des „Crucifige!“ gilt, das fällt schwer und wiegt auch schwerer. Aber gerade dort will er uns an seiner Seite, wo Menschen seinen Leidensweg mitgehen und unsere Solidarität brauchen.


24.05.2012
Impressum | Kontakt
4002