Der Rufer in der Wüste findet sich heute im Lebensstil der Eremiten wieder
Verzicht auf jede Ablenkung
Seine Wüste ist der Berg. Weit weg vom nächsten Ort hat sich Bruder Jakobus Kaffanke zurückgezogen. Der Benediktiner aus der Erzabtei Beuron an der oberen Donau machte sich vor 15 Jahren im Einvernehmen mit seinem Oberen auf die Suche nach einem geeigneten Haus und bewohnt seither als Eremit eine kleine Klause auf einem Hügel – irgendwo nördlich des Bodensees. „Kloster, Klause, Herz“, skizziert der Mönch mit kräftiger Stimme seine bisherigen Reisestationen. Der Weg von Bruder Jakobus ist ein Weg hinein in die Einsamkeit, hin zu sich selbst, hin zu Gott.
von Andreas Kaiser
Seit einigen Jahren erlebt das Eremitentum international eine regelrechte Renaissance. Allein 80 Einsiedler soll es bereits in Deutschland geben. Europaweit wird ihre Zahl auf deutlich über tausend geschätzt, sagt die Wiener Theologieprofessorin Marianne Schlosser. Der Weg in die Einsamkeit ist eine Reise „Back to the Roots“, zu den Wurzeln des Mönchstums sozusagen. In jene Zeit also, 200 bis 300 Jahre nach Christi Geburt, als sich die ersten Christen aus Alexandria und anderen Städten in die Wüste zurückzogen, um sich dort, zunächst allein lebend ganz der paulinischen Forderung „Betet ohne Unterlass“ zu widmen.
Die Wüste, das ist für Bruder Jakobus schlicht der abgelegene Ort. „Der Rückzug aus der Vielfalt der Sinneseindrücke“, wie er sagt. „Die Wüste ist der Ort der Gottesbegegnung. Wie bei Moses und dem brennenden Dornbusch.“ Je weniger der Mensch von der sichtbaren, der grobstofflichen Welt abgelenkt wird, umso größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, die feinstoffliche Welt zu erspüren. Unabdingbar für eine gute Gottesbeziehung sei das innere Gebet, die Schweigemeditation, so Kaffanke. Schon morgens, bevor im Wald rund um seine Klause die ersten Vögel erwachen, sitzt der Mönch dann still. Beobachtet seinen Atem, sonst nichts. Oft stundenlang.
Doch es ist beileibe nicht immer Gott, der da in der Stille spricht. Dort, wo kein Radio, kein Fernseher oder gesellschaftliches Geplapper den Menschen ablenkt, wird er sich unweigerlich seiner selbst bewusst. Auch seiner dunklen Seiten. „In der Wüste lauern die Dämonen“, sagt Bruder Jakobus. Das hat bereits Jesus nach der Taufe durch Johannes erfahren. Und das haben auch die Wüstenväter erlebt. Bereits um 400 formulierte der Asket Evagrios Ponticos daher die Lehre der acht Laster oder Dämonen. „Völlerei, Unzucht, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Trägheit, Eitelkeit“, rezitiert Kaffanke wie aus dem Effeff. „Am Schluss kommt Hochmut. Das ist mitunter das Gefährlichste, wenn man sich auf seine Spiritualität etwas einbildet“, sagt er.
Ähnlich wie Johannes der Täufer versteht auch Jakobus seine Einkehr, seinen Rückzug aus dem Getöse der Welt nicht als bloße Abkehr. „Ich möchte weitergeben, was ich in der Stille erfahren habe“, sagt Kaffanke. Zusammen mit dem Benediktinerpater Gabriel Bunge, ebenfalls ein Eremit, gibt er die Buchreihe „Weisungen der Väter“ heraus und organisiert Tagungen zum Thema. Zudem bietet Bruder Jakobus in seinem Mutterkloster regelmäßig Meditations- und Fastenkurse an.
„Ich habe meine Klause nicht nur als Ort der Konzentration, sondern immer wieder auch als Ort des Austausches verstanden“, sagt der Mönch und liegt damit ganz in der Tradition der sogenannten Anachoreten (übersetzt: jemand der sich zurückzieht). Viele Wüstenväter entwickelten in der Einsamkeit eine so tiefe Spiritualität und beeindruckende Weisheit, dass sie bei ihren Zeitgenossen bald als Ratgeber und Beichtväter gefragt waren. Ähnlich wie bereits Johannes zahlreiche Jünger um sich scharte, siedelten sich in der Frühzeit des Christentums oft andere Gottessucher um die Anachoreten an. Die ersten Klöster entstanden!
Ganz ähnlich wie bei dem Täufer nimmt auch bei dem Eremiten das Wort Umkehr eine zentrale Rolle ein. „Es geht um das Revidieren von bisherigen Lebenswegen“, sagt er. Erst müssten alte Gewohnheiten sterben, bevor der neue Mensch auferstehen kann, sagt Kaffanke.
Vielleicht, weil er sich in der Einsamkeit nichts schönredet, kann der Eremit so zielgenau über menschliche Schwächen reden. Über die gegenwärtige Finanzkrise etwa sagt er: „Da steckt Gier dahinter. Und, dass Gier ein Zustand der Gottesferne ist, wusste schon Jesus, und das wussten auch die Wüstenväter.“ Dann erzählt der Mönch wie Besitz oft den Wunsch nach mehr Besitz hervorrufe, bis der Besitz oder der Wunsch danach vom ganzen Menschen Besitz ergriffen habe. „Das ist wie bei einem Alkoholiker, der nicht vom Saufen lassen kann.“
Doch weil ihm nichts Menschliches fern ist, weiß Bruder Kaffanke wie man widersteht. Gegen Zwänge helfe nur regelmäßige Übung. So wie der Sportler durch häufiges Training eine bessere Kondition bekommt, so gewinnt auch das Gute im Menschen Raum, je häufiger er betet oder sich in der Meditation ganz auf Gott ausrichtet.
Doch Kaffankes Rufen gilt nicht nur Bänkern, Managern und einfachen Menschen. Auch vielen seiner geistlichen Kollegen würde er am liebsten zurufen. „Hey, ihr da. Verausgabt euch nicht im äußeren Tun. Vergesst nicht das Innere, euer Herz und die Liebe. Ihr müsst nach innen gehen. Innen müsst ihr aufräumen.“ Denn das Ziel des Mönches – und des Menschen schlechthin – ist die „Puritas Cordis“. Die Reinheit des Herzens, wie er sagt. Das Herz ist also Station auf dem weg zu Gott.







