Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Präventionsbeauftragte des Erzbistums Andreas Schwenzer zu den Zielen seiner Arbeit

Vertrauen und Verantwortung

Erzbistum. Das Thema ist existenziell und emotional. Viele haben es verdrängt, manchmal wurde auch weggeschaut. Kurz: Es ist nicht einfach, womit sich Andreas Schwenzer (Foto) befasst. Seit August letzten Jahres ist der 46-jährige Diplom-Theologe als Präventionsbeauftragter des Erzbistums im Amt. Zu seinen Aufgaben gehört die Umsetzung der im April 2011 in Kraft gesetzten „Ordnung zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen für das Erzbistum Paderborn“. 

von Andreas Wiedenhaus 

„Es ist ein Feld, wo wir als Kirche noch nachlegen müssen.“ Wenn es darum geht, welche Defizite im Zuge der Diskussionen um Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren ans Licht gekommen sind, findet Schwenzer deutliche Worte: „Die Tatsache, dass Menschen aus dem kirchlichen Umfeld das in sie gesetzte Vertrauen missbraucht haben, hat eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise ausgelöst.“ Die nicht immer sachlich geführte Debatte sei zwar inzwischen abgeebbt, diese Tatsache ändere aber nichts am großen Nachholbedarf in diesem Zusammenhang: „Es kann nicht darum gehen, dass wieder Ruhe einkehrt, im Mittelpunkt muss der Aufbau eines neuen Vertrauensverhältnisses stehen!“ 

Etwas, was sich nicht in Kraft setzen oder anordnen lasse: „Das muss wachsen!“ Am Anfang müsse eine Kultur des Hinsehens stehen, an der alle beteiligt seien. Die Voraussetzungen, dass dies gelingen könne, seien aber gut: Nicht zuletzt durch das gerade verabschiedete „Grundlagenkonzept zur Prävention von sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn“.

Andreas Schwenzer: „Ziele und Vorgehensweise sind in diesem zwölfseitigen Papier zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.“ Das gemeinsame Ziel, so heißt es dort, ist die „Verhinderung von sexueller Gewalt in Form sexuellen Missbrauchs, sexueller Übergriffe und sexueller Grenzverletzungen“. Sowohl in kirchlichen Einrichtungen und Gruppen als auch im familiären Umfeld der anvertrauten Menschen.

Im Blick sind die möglichen Opfer: Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, psychisch Beeinträchtigte, demenzkranke Menschen, aber auch potenzielle Täterinnen und Täter, die sich als haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter eingeschlichen haben. Der Präventionsbeauftragte über den weiteren Inhalt des Grundlagenpapiers: „Vorgehensweisen übergriffiger Personen finden dort ebenso ihren Niederschlag wie die Sicht der Opfer und die Folgen, die solche Übergriffe für sie haben.“

Breiten Raum nehmen die verschiedenen „Präventionspakete“ ein, die ebenso sowohl auf Menschen mit entsprechenden Neigungen wie auf die Opfer ausgerichtet sind. Andreas Schwenzer: „Offenheit und Klarheit sind die Grundvoraussetzungen dafür, damit Missbrauch früh erkannt bzw. verhindert werden kann.“ Das gelte für die Strategien von Täterinnen und Tätern ebenso wie für die Rechte der Opfer: „Es muss deutlich werden, wie missbrauchende Menschen vorgehen, nur so können Kinder und Jugendliche oder Menschen mit Behinderungen geschützt werden.“ Der Umgang mit Täterinnen und Tätern oder Verdachtsfällen ist ebenso klar geregelt: Er reicht von der Versetzung oder Entlassung bis zur Strafanzeige. Das schließt aber nicht aus, den Menschen mit entsprechenden Neigungen Therapie- und Beratungsangebote zu machen: „Auch das ist Teil des Konzeptes.“

Ebenso komme es darauf an,  Werte zu benennen und Grenzen zu setzen, sagt der Vater einer zehnjährigen Tochter: „Die uns anvertrauten Menschen sollen nicht nur ihre Rechte kennen, sie sollen sie auch einfordern können – immer und überall!“ Deshalb, so Schwenzer, sei es auch wichtig, den Begriff „Opfer“ von seiner sozialen Abwertung und Ausgrenzung zu befreien: „Gerade im kirchlichen Umfeld sollen Kinder und Jugendliche es als normal erfahren, dass niemand vollkommen ist und jeder Mensch auf Hilfe angewiesen ist.“

Gelingen könne das alles letztlich aber nur, wenn jeder seine Verantwortung erkenne, ist sich der Diplom-Theologe sicher: „Ehrenamtliche Mitarbeiter wie etwa Gruppenleiter genauso wie Hauptamtliche – und letztlich natürlich auch die Kirche als Institution.“ Dabei komme es auch darauf an, nicht einer Hysterie das Wort zu reden: „Alle Beteiligten sollten engagiert, aber unaufgeregt agieren“, bringt Schwenzer damit auch seine eigene Handlungs-Maxime damit auf den Punkt.

Um die im Grundlagenkonzept festgelegten Schritte auch in die Tat umzusetzen, werde, so Andreas Schwenzer, derzeit mit den Hauptabteilungen im Generalvikariat, dem BDKJ und dem Diözesancaritasverband an Schulungskonzepten für die an die 100000 haupt- und ehrenamtlich Tätigen gearbeitet. Bei der Durchführung der Fortbildungen sollen vorhandene Ressourcen genutzt und ein entsprechender Referentenpool gebildet werden: „Im ersten Halbjahr wird das noch für die verschiedenen Handlungsfelder konkretisiert, sodass ab dem zweiten Halbjahr mit der Planung und Durchführung von Fortbildungen in den unterschiedlichen Einrichtungen begonnen werden kann.“ Anfragen gebe es derzeit schon eine ganze Menge, so der Präventionsbeauftragte. Das mache zuversichtlich.


24.05.2012
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