Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Vertrauen – trotz Gegenwind

Sr. Maria Andrea Stratmann, SMMP, Bergkloster Bestwig, Lic. Theol. ist tätig als Exerzitien-/Meditationsleiterin und als Redaktionsmitglied von „GLAUBEN leben“ und „MAGNIFICAT“.

Glaube ist das Vertrauen, dass Jesus mit uns im Boot unseres Lebens und im Boot der Kirche ist. 

von Sr. Andrea Stratmann 

Die Jünger waren Zeugen der wunderbaren Speisung so vieler Menschen an einem abgelegenen Ort. Sie selbst durften die Fülle austeilen, die Jesus in ihre Hände gelegt hatte (Mt 14,13-21). Da sollte man meinen, sie kennen Jesus und wissen, dass sie ihm unbedingt vertrauen können.

Als Jesus sie nach der Speisung auffordert, ans andere Ufer vorauszufahren, ist es bereits spät. Er selbst will erst die Leute entlassen und sich dann auf den Berg zurückziehen, „um in der Einsamkeit zu beten“. Den ganzen Tag über hat die Menge ihn beansprucht, und er hat sich einfordern lassen. Jetzt sucht er in der Einsamkeit das Gespräch mit dem Vater. Er braucht diesen Abstand zu den Menschen und die Nähe des Vaters. Das stärkt ihn für seinen Weg.

Während Jesus betet, mühen sich die Jünger im Boot, vorwärtszukommen, „denn sie hatten Gegenwind“. Sie sind bereits viele Stadien vom Land entfernt, die Wellen schaukeln das Boot hin und her, und das bei einbrechender Nacht. Die Not der Jünger wächst von Augenblick zu Augenblick; denn das rettende Ufer hinter ihnen ist „nicht mehr“ in Sicht und das vor ihnen „noch nicht“. Sie erkennen keine mögliche Rettung.

Es wird uns wohl nicht schwerfallen, diese Situation der Jünger im eigenen Leben und auch im Leben der Kirche wiederzuerkennen. Auch da gibt es Zeiten, in denen der Herr nicht mehr „sichtbar“ ist im eigenen Lebensboot / im Lebensboot der Kirche; Zeiten, in denen uns der „Gegenwind“ der Infragestellung stark anficht; in denen wir die Unsicherheit deutlich erleben, weil vielleicht sogar Lebensentscheidungen ins Wanken geraten. Die Nacht vergeblichen Mühens kann mürbe-machen.

Für die Jünger im Boot ist die Sichtverbindung mit Jesus abgerissen. Sie sehen nur ihre gefahrvolle Lage. „In der vierten Nachtwache“ – gegen drei Uhr morgens – kommt Jesus auf dem See zu ihnen. Entsetzen packt die Jünger, als sie ihn sehen. Sie glauben, ein Gespenst vor sich zu haben. Sie schreien vor Angst. Und diese Angst legt sich auch nicht sogleich, als Jesus sie anspricht: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“

Wer soll das glauben, was doch unglaublich ist? Petrus will Sicherheit: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Petrus nimmt Jesu Einladung: „Komm!“ an. Solange er auf Jesus schaut, trägt ihn das Wasser; aber als er auf den bedrohlichen Sturm schaut, beginnt er zu sinken und ruft um Hilfe.

Jesu rettende Hand holt ihn ins Boot zurück. Die Antwort Jesu an Petrus gilt sicher nicht nur ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Kenne ich nicht auch Situationen, in denen ich mich ähnlich verhalte wie Petrus? Wo ich die Zeichen seiner Nähe vergesse? Kann es sein, dass ich Gott in Erfahrungen von früher suche, dort, wo ich ihn gern sähe, aber nicht mitten im Alltag? Kann es sein, dass ich mich schwertue, der Gegenwart des Herrn nur in seinem Wort zu vertrauen? Kann es sein, dass ich mit der Wirklichkeit Gottes im eigenen Leben gar nicht mehr rechne? Kann es sein, dass wir als Kirche zu sehr auf uns selbst schauen, statt auf Jesus?

Jesus will uns aus unserem Kleinglauben herausholen und in die Weite seiner erbarmenden Liebe führen, damit wir aus der vertrauenden Gewissheit leben können: Er ist immer bei uns im Boot, auch und gerade dann, wenn uns der Gegenwind ins Gesicht schlägt und die Wellen haushoch schlagen!

 

 


24.05.2012
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