Erstes deutsches Jugendhospiz feierlich in Olpe eröffnet
Versorgungslücke geschlossen

- Bei der offiziellen Einweihung des neuen Jugendhospizes in Olpe posieren (hinten v. l.) NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, Ingo Morell (GFO), Schwester Mediatrix Nies, Weihbischof Hubert Berenbrinker, Markus Feldmann (GFO) und Pfarrer Clemens Steiling mit Karolin, Florian und Ramona (v. l.)
Olpe (jon/kna). Es ist die erste Einrichtung dieser Art in ganz Deutschland: In Olpe ist das Jugendhospiz „Balthasar“ eröffnet worden. Träger sind die Olper Franziskanerinnen. Vier schwerstkranke Jugendliche und junge Erwachsene können darin bis zum Tod begleitet werden. Der Paderborner Weihbischof Hubert Berenbrinker segnete gemeinsam mit dem Olper Pfarrer Clemens Steiling das Hospiz und feierte mit den Bewohnern, ihren Familien und Freunden einen Gottesdienst.
In seiner Predigt nannte Berenbrinker die Einrichtung vor rund 200 geladenen Gästen aus ganz Deutschland ein Haus, „in dem Schwerkranke und vom Tode gezeichnete Erquickung für Leib und Seele finden“. Die Jugendlichen sollten bekommen, „was ihnen gut tut und was sie ersehnen“. Das Hospiz stelle „kein bleibendes Zuhause, sondern ein Gästehaus“ dar, unterstrich der Weihbischof. Letztlich seien alle Menschen nur „Gast auf Erden“.
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zeigte sich von dem Jugendhospiz beeindruckt: „Aus Olpe wurden erhebliche Signale in der Hospizbewegung ins ganze Land gesendet“, sagte er nach einem Rundgang durch die Zimmer.
Mit dem Haus zur Sterbebegleitung werde eine Versorgungslücke in der Hospizarbeit geschlossen, weil es bislang nur Einrichtungen für Kinder oder Erwachsene gegeben habe, sagte Leiter Rüdiger Barth zur Einweihung. Er leitet auch das benachbarte Kinderhospiz. Kinder- wie Erwachsenenhospize seien beide nicht auf die speziellen Bedürfnisse Jugendlicher ausgerichtet.
Zu den jungen Patienten, die zeitweise auch schon im Kinderhospiz gewohnt haben, und jetzt ins Jugendhospiz wechseln, gehört Diana Diakunczak. Sie liegt mit einem Eisbär im Arm im Bett und hört entspannende Musik. An der Decke schimmern Lichteffekte der Diskokugel, blubbernde Wassersäulen erhellen den halbdunklen Raum. Die meisten Jugendlichen nennen das „chillen“, für die schwerkranke 26-Jährige mit den kurzen dunklen Haaren ist es neben Entspannung auch Körperwahrnehmung. Das Wasserbett ist warm und bewegt sich mehr als andere Betten. Es steht im „Snoezelen-Raum“. Diana nutzt den Raum seit acht Jahren. Kurz vor der Einschulung wurde bei ihr das Sanfilippo-Syndrom diagnostiziert, eine Stoffwechselkrankheit, bei der sich die Organe vergrößern und die geistigen Fähigkeiten abbauen. „Die Ärzte sagten damals: ,Ihr Kind wird zwölf Jahre alt‘“, erzählt ihre Mutter Annemarie Diakunczak. Durch fortgeschrittene Medizin könne heute die Lebenszeit von Kindern mit unheilbaren Erkrankungen verlängert werden, erklärt die Sprecherin des Hospizes, Nicole Binnewitt. Vor elf Jahren war das Kinderhospiz entstanden – das erste seiner Art in Deutschland. Inzwischen sind ein Viertel der Gäste dort älter als 16 Jahre, deshalb wurde das Jugendhospiz nötig. Ein klassisches Erwachsenenhospiz mit Durchschnittsalter 70, in das man zum Sterben gehe, sei nicht der richtige Ort für junge Menschen mit ihren ganz anderen Fragen, sagt Nicole Binnewitt. Bei den quirligen Kindern wiederum, die oft in den Tag hinein lebten, fühlten sich schwerkranke Jugendliche genauso fehl am Platz. „Im Kinderhospiz ist es bunt, alles ist klein“, erklärt sie und zeigt den Bewegungsraum für die Jüngsten. „Für einen Jugendlichen, der wegen seiner Erkrankung 120 Kilo wiegen kann und einen großen Rollstuhl fährt, ist dieser Raum nichts.“
Träger des Hauses ist die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO). Die Kosten des Neubaus betragen 1,9 Millionen Euro. Zu viel für ein Hospiz mit vier Plätzen? Ein klares Nein sagt Schwester Mediatrix Nies, Generaloberin der Olper Franziskanerinnen. Es sei notwendig, den älter gewordenen Gästen des Kinderhospizes eine Umgebung zu bieten, die genau auf sie eingestellt sei. Schwester Mediatrix unterstreicht das Selbstverständnis ihres Ordens, sich für die Schwachen und Kranken, vor allem die unheilbar Kranken der Gesellschaft einzusetzen.
Aus englischen Vorbildern und nach Gesprächen mit Jugendlichen entstand das Gebäude für die jugendliche Klientel neben dem Kinderhospiz. Beide Häuser sind durch einen Gang verbunden. Innen wie außen hell gestrichen, wirkt das Gebäude nicht wie ein Haus zum Sterben. Das ist es auch nicht, denn die Jugendlichen werden schon ab der Diagnose betreut, jedes Jahr können sie 28 Tage im Hospiz verbringen. Falls sie über ihre Ängste sprechen wollen, stehen Trauerbegleiter bereit.
Als Begleitpersonen kommen bei den Jugendlichen im Unterschied zu den Kleineren nicht unbedingt die Eltern mit. So haben für den Sommer zwei kranke Mädchen ihre Freundinnen angemeldet. Monika Krumm, stellvertretende Pflegeleiterin, weiß, dass viele der Erkrankten erstmals alleine von zu Hause weg sind und die Freiheit genießen. „Unsere Angebote richten sich individuell nach den Möglichkeiten der Jugendlichen: Schwimmbad, Shopping-Tour oder Disco-Besuch in Olpe, ein Werkraum zur kreativen Bewältigung und, ganz wichtig, der Computerraum.“ Während die Jüngeren am Computer gerne Spiele machen, ist für die Älteren das Internet eine Chance, Kontakt zu halten, wenn sie nicht mehr mit Freunden weggehen können.
Das ganze Programm ist teurer als ein Erwachsenenhospiz, die Tagessätze der Kurzzeitpflege decken nur 30 Prozent der Kosten. Für die Versorgung der Kranken und die Unterhaltung der Einrichtung ist das Hospiz zum größten Teil auf Spenden angewiesen. Solche Fragen sind für Diana kein Thema. „Sie kann geistig einiges verstehen, doch nicht mehr alles umsetzen“, so Annemarie Diakunczak. „Sie trinkt zum Beispiel alleine, muss aber den Becher in die Hand bekommen.“ In der ersten Krankheitsphase war sie verhaltensauffällig und fegte bald jeden Tisch leer, erinnert sich die Mutter. Inzwischen ist Diana ausgeglichener. Der Aufenthalt im Hospiz tut ihr gut, sie kann sich zurückziehen und zur Ruhe kommen, unternimmt aber auch schöne Dinge: Kino, Reiten, die Natur beobachten und Musik hören – am liebsten im Wasserbett unter der Diskokugel.







