Aktuelle Ausgabe
2012-20

Studie: Deutschland wächst zusammen – nur nicht bei der Kirche

Unterschiede nur im Glauben

Berlin (kna). Die Ostdeutschen sind nach ersten Ergebnissen einer europäischen Wertestudie weiter die am stärksten säkularisierten Europäer. Wachsende Gottlosigkeit führe dort aber nicht zu einem Verfall von Sitte und Moral, sagte der deutsche Forschungsleiter Wolfgang Jagodzinski „welt online“. Im Osten Deutschlands sei die Zahl der „Moralapostel“ eher noch größer als im Westen.

Nach Angaben des Wissenschaftlers bezeichneten sich im Osten mehr als drei Viertel der Bevölkerung als nicht religiös. Doch auch im Westen stieg der Anteil der Atheisten seit der Jahrtausendwende von vier auf etwa sieben Prozent, zu denen sich noch einmal 36,5 Prozent gesellen, für die die Kirche nicht wichtig ist. 1981 lag dieser Wert bei 30 Prozent. Nur jeder Fünfte besucht mindestens einmal im Monat den Gottesdienst, im Osten ist es nicht einmal mehr jeder Zehnte.
Jagodzinski, Professor an der Universität Köln und früher Präsident des Leibniz-Institutes für Sozialwissenschaften (GESIS), begleitet die europäische Wertestudie seit 1990. Die Befragungen im Rahmen der 2009er-Studie sind in den meisten der 46 teilnehmenden Länder abgeschlossen, Vergleiche werden aber erst Ende des Jahres möglich sein.
Nach Angaben des Wissenschaftlers legen die ersten Ergebnisse der Studie nahe, dass in den neuen Bundesländern ein vom Glauben unabhängiger Handlungskodex existiert, der sich kaum von dem gläubiger Menschen unterscheide.
Konkret ergab die Wertebefragung mittels einer Skala von 1 (das darf man unter keinen Umständen tun) bis 10 (das ist in jedem Fall in Ordnung), dass Ostdeutsche entschiedener als Westdeutsche gegen Drogenmissbrauch, Korruption, Steuerhinterziehung, Erschleichung öffentlicher Leistungen, Schwarzfahren, Lügen, Seitensprünge oder Prostitution sind. Von den Westdeutschen wurden lediglich die Fragen nach Abtreibung, Scheidung, Selbstmord und Todesstrafe strikter „verdammt“.
Von der privaten Glaubenshaltung abgesehen, sieht Jagodzinski „keine gravierenden Unterschiede mehr in den Wertvorstellungen zwischen Ost und West“. Vielmehr könne man 20 Jahre nach dem Fall der Mauer allmählich von „dem Deutschen“ sprechen. 


24.05.2012
Impressum | Kontakt
4002