Aktuelle Ausgabe
2012-20

In diesem Jahr kamen schon 18000 Flüchtlinge nach Lampedusa

„Tor nach Europa“

Vom Flugzeug aus wirkt Lampedusa recht überschaubar: gut acht Kilometer lang, bis zu drei Kilometer breit, eine Insel mit wenigen Erhebungen, vielen kleinen Stränden und Badebuchten. Im Osten taucht das gleichnamige Städtchen auf, dahinter nur noch der Flughafen. An Land ist die Lage Lampedusas derzeit weniger überschaubar, seit Wochen herrscht hier angesichts tausender Flüchtlinge der Ausnahmezustand. Die meisten von ihnen stammen aus Tunesien und Libyen. Seit Jahresbeginn haben mehr als 18000 Flüchtlinge das italienische Eiland.

Von Agathe Lukassek (KNA)

Es sind meist junge Leute wie Asen, die eine Überfahrt auf alten, fast immer überladenen Booten wagen. Der 28-jährige Tunesier will nach Deutschland, um dort als Schuhmacher zu arbeiten. „Wie viel kostet es von hier nach Deutschland mit dem Zug? Reichen 1000 Euro?“, fragt er. Für die Überfahrt habe er bereits 2000 Euro bezahlt. Asen hat nach eigenen Angaben schon sechs Jahre in Italien verbracht. Warum er wieder nach Tunesien zurückgeschickt wurde, behält er für sich.

Große Chancen, in Europa zu bleiben, hat der junge Mann nicht: Wer schon einmal in Italien war und identifiziert werden kann, wird zurückgeschickt, erklärt ein Polizist auf der Insel. Irgendwann. Bisher klappt aber noch nicht einmal der Transfer in die inneritalienischen Aufnahmelager.

Und so platzt die 20 Qua-dratkilometer große Insel aus allen Nähten. Noch hatten nicht alle früheren Flüchtlinge das Lager verlassen, da kamen Mitte März die nächsten in großer Zahl. Einmal waren es im Laufe von 24 Stunden 22 Boote, mit insgesamt knapp 2000 Männern, kaum Frauen, aber etlichen Minderjährigen. Kommandant Giovanni Monteleone von der Küstenwache hat mit seinen acht Leuten eben das letzte Boot des Tages bis zum Hafen Mole Favolara geleitet. Sie kämen den kaum seetauglichen Booten oft bis an die Grenze der italienischen Gewässer entgegen, manchmal retteten sie die Flüchtlinge sogar von untergehenden Nussschalen, erzählt er sichtlich ermüdet.

Seitdem sich das Wetter gebessert hat, kommen täglich Boote auf Lampedusa an. Zeitweise stehen bis zu 6000 Mi-granten den 5500 Einwohnern sowie 400 Angehörigen von Polizei und Militär gegenüber. Das Aufnahmelager einen Kilometer nördlich der Stadt ist auf 850 Personen ausgelegt und überfüllt. Bis zu 3000 Menschen schlafen unter freiem Himmel auf den felsigen Hügeln um das Lager herum oder am Hafen; sie haben sich aus Plastikplanen notdürftige Unterkünfte gebaut. Eine Decke besitzt nicht jeder, und nachts sinkt die Temperatur auf bis zu 7 Grad Celsius. Tagsüber reicht schon eine Verzögerung der Essensausgabe, um Unruhe hervorzurufen. Die Gemeindeverwaltung warnt vor Wasserknappheit, die Hilfsorganisation „Save the Children“ kritisiert die Unterbringung und die hygienischen Bedingungen der minderjährigen Flüchtlinge. Das Flüchtlingshilfswerk     UNHCR zeigt sich besorgt über wachsende Spannungen auf Lampedusa.

Einerseits handele es sich um eine „neue Art“ von Flüchtlingen, erklärt Pfarrer Stefano Nastasi. Seit Ende der 1990er Jahre seien auf Lampedusa ausgehungerte, verfolgte und verzweifelte Menschen angekommen. Nun sehe man gesunde und motiviert wirkende Männer, so Don Stefano. Seine Gemeinde hat den Hilfsorganisationen ein Gebäude zur Verfügung gestellt, das bis zu 220 Flüchtlinge aufnehmen kann. Andererseits hätten die Lampedusaner selbst nicht viel, erzählt der Direktor der Ortsverwaltung, Salvatore Caffo. Ob Wasser oder Benzin: Alles müsse aus dem 200 Kilometer entfernten Sizilien auf die karge Felseninsel gebracht werden. Außer Fischfang und Tourismus gebe es praktisch keine Einnahmequelle, die Arbeitslosigkeit sei hoch.

Der Unmut der Inselbewohner wächst. Vom Staat fühlen sie sich alleingelassen, ist oft zu hören. „Um die Flüchtlinge sollen wir uns kümmern, aber in unserer maroden Schule wurde nichts mehr gemacht, seit ich Schülerin war“, ärgert sich die Frau am Kiosk. Neulich verhinderten aufgebrachte Dorfbewohner den Plan der Regierung, im unbewohnten Teil der Insel eine Zeltstadt für 3000 Personen zu errichten. Ein Schiff mit Zelten ließen sie nicht anlegen. Seither schickt die Regierung ein Marine-Transportschiff, das alle zwei bis drei Tage jeweils 500 Flüchtlinge nach Sizilien bringt. Weil dadurch aber kaum mehr Menschen die Insel verlassen, als neue ankommen, hat Bürgermeister Bernardino De Rubeis das Innenministerium aufgefordert, einen unverzüglichen Transfer der Ankömmlinge zu garantieren. Nur als Durchgangsstation könne Lampedusa ein sicherer Ankunftshafen für Flüchtlinge bleiben. Ministerpräsident Berlusconi machte sich am 30. März vor Ort selbst ein Bild von der Lage. Das Flüchtlingslager besuchte er aber ebenso wenig wie den Hafen. Doch er versprach den Inselbewohnern rasche Hilfe: Sechs große Schiffe sollen nun die meisten der Immigranten aufnehmen und nach Sizilien oder in die Toskana bringen. Dort machen bereits Bürgerwehren mobil gegen die zu erwartenden Migranten.

Ein baldiges Ende der Flüchtlingswelle ist indes nicht in Sicht: Gerade durch die Eskalation in Libyen wächst die Angst der Insulaner vor weiteren überfüllten Booten. Am meisten fürchten die Lampedusaner um ihre Haupteinnahmequelle, den Tourismus zwischen Juni und September. Schon in den vergangenen Jahren waren sie vereinzelt besorgt, dennoch kamen die Touristen bislang an den südlichsten Punkt der EU im Mittelmeer. Dieses Jahr könnte es anders sein, denn nun ist das überschaubare Eiland endgültig als Flüchtlingsinsel bekannt – als „Tor nach Europa“. Und die Zukunft ist ungewiss: Die ersten Boote mit Eritreern und Äthiopiern haben mittlerweile auch die zu Lampedusa gehörende Insel Linosa erreicht. Sie kamen aus Libyen.


24.05.2012
Impressum | Kontakt
4002