Aktuelle Ausgabe
2012-20

Beim Karnevals-Wagenbau in Attendorn entdecken junge Schüler ganz neue Fähigkeiten

Narrenschiff der heiligen Ursula

Text und Fotos: Harald Oppitz / KNA 

Das hätte sich die heilige Ursula wohl auch nicht träumen lassen, dass sie einmal mit einem Karnevalswagen die Hauptattraktion eines Narrenumzugs wird. Doch mit einem selbst gebauten Schiff und der größten Fußgruppe, die je in der Karnevalshochburg Attendorn am Veilchendienstagsumzug teilgenommen hat, sorgten die Schüler des katholischen Sankt-Ursula-Gymnasiums beim letztjährigen Narrenfest für großes Aufsehen in der Sauerländer Gemeinde. 

Das Narrenschiff hat nicht nur den lokalen Pokal als beste Fußtruppe abgeräumt; es schaukelte bei der Verleihung des Kreativpreises „SynErgia“ des Erzbischofs von Paderborn sogar auf den zweiten Platz. Und natürlich sind beim diesjährigen Karneval die jüngsten Schüler des Gymnasiums wieder mit von der Partie: diesmal mit einer überdimensional großen Narrenkappe und dem Motto „Die vier Jahreszeiten“.

Angefangen hat alles mit einem Projektangebot für die Neuankömmlinge auf der katholischen Schule. Zum Konzept der gemischten Schule gehört auch eine fächerübergreifende Förderung des kreativen Lernens. Die Jung-Gymnasiasten dürfen zu Beginn der fünften Klasse zwischen vier Wahlpflichtfächern entscheiden, um dann im folgenden Jahr ein eigenständiges Projekt zu entwickeln. 

Neben den Schwerpunkten „Natur und Biologie“, „Was macht einen Mann zum Mann?“ oder einer musischen Theatergruppe für Mädchen konnten die Jungs 2011 erstmals im Bereich „Kreatives Werken mit Herz, Hand und Köpfchen“ einen Karnevalswagen entwerfen und bauen.

„Für die Kinder hier in der Gemeinde ist der Karneval natürlich ein Highlight im Jahresablauf“, weiß Lehrer Sebastian Springob. „Doch normalerweise stehen die Kids an der Straße und schauen nur zu. Von der Idee, einmal selbst am Zug teilzunehmen, waren alle sofort hellauf begeistert.“ Der Lehrer für Deutsch und Religion ist selbst in einem Karnevalsverein am Ort aktiv: „Das war für alle eine Win-Win-Situation: Die Verantwortlichen vom Festkomitee hatten eine neue Attraktion, und wir hatten in unserem Projekt viele fachkundige Helfer in der Hinterhand.“

Denn so ein Karnevalswagen baut sich nun mal nicht von selbst. Das Thema war indes schnell gefunden: Als Schule in der Tradition der heiligen Ursula bot sich ein Schiff geradezu an. Ursula war eine britannische Königstochter, die ihr Leben Christus geweiht und Jungfräulichkeit gelobt hatte. Als sie dennoch verheiratet werden sollte, begab sie sich auf eine Schiffsreise, um der Verbindung zu entfliehen. Schließlich starb sie als Märtyrerin in Köln. Das Schiff ist zum Symbol der heiligen Ursula geworden und ziert heute auch das Logo der Schule. Die Kinder fanden schnell ein Motto: „Die bunte Flotte von St. Ursula“. Wie man allerdings ein fahrbares Schiff für den Innenstadtumzug baut, war den meist gerade mal elfjährigen Jungen zuerst völlig unklar.

Und so machte sich die bunte Truppe auf Ideensuche: In einer ersten Phase konnten die Kinder den professionellen Wagenbauern über die Schulter blicken. In der Wagenbauhalle der Attendorner Karnevalsgesellschaft „Kattfiller“ wird ab Januar geschraubt und gebohrt, gehämmert und gekleistert. Dort kamen die Schüler aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Ideen für einen Schiffswagen begannen zu sprudeln. „Bei der Konstruktion des Gefährts haben die Erwachsenen uns noch unter die Arme gegriffen, aber die gestalterische Ausarbeitung des Schiffs kam von den Kindern selbst“, betont Lehrer Springob. Viele seiner Schüler hätten in der Bauphase ihre handwerklichen Fähigkeiten entdeckt.

Richard ist in den letzten Wochen zu einem richtigen Tapezier-Profi geworden. Gekonnt pinselt der Elfjährige die weißen Blätter mit Kleister ein, während Timon und Tim flink die glibberigen Streifen auf dem Segel aufkleben. „Ich habe hier neue Freunde gefunden“, ist Richard begeistert, „denn wir treffen uns ja nicht nur mit den Jungen unserer Klasse, sondern ich hab ganz viele Schüler aus den anderen Klassen kennengelernt.“ Neben den handwerklichen Fähigkeiten entwickeln die Kinder auch ein Gespür für Teamarbeit, hat ihr Lehrer festgestellt.

Da für alle Schüler solch ein Projekt Neuland ist, traut sich jeder hier, mal was auszuprobieren: „Die Jungs haben schnell gemerkt: Nur wenn man sich gegenseitig unterstützt, geht es voran.“ Dass die Kreativ-Gruppen vom Grundsatz her erst einmal in Jungen und Mädchen getrennt sind, sieht Lehrer Springob als Stärke: „Wir haben herausgefunden, dass die Gruppen, wenn sie nach Geschlechtern getrennt sind, eine ganz andere Dynamik entwickeln.“ Gerade in der Phase der Neuorientierung an der weiterführenden Schule können die Jungen sich bei der handwerklichen Arbeit einfach mal auf sich selbst konzentrieren.

Der reguläre Schulunterricht sei ja gemischt – und auch beim Projekt Wagenbau sind die „Grenzen“ in der heißen Phase kurz vor Karneval verschwommen: „Schon bei den Profis wird‘s gegen Ende immer ganz hektisch, weil der Bau eines Wagens doch meist länger dauert, als erwartet“, hat Springob als Karnevals-Veteran schon seine Erfahrungen, „und natürlich hingen auch wir im Zeitplan etwas hinterher.“ Und so kamen zu den „Unterrichtsstunden“ bald weit mehr als nur die angemeldeten Schüler: „Die haben ganz viel auch in ihrer Freizeit gemacht“, ist Springob begeistert: Zum Kleistern kamen plötzlich weit mehr Helfer, die Mädchen der Theatergruppe bastelten aus Einkaufstüten kleine Schiffe für die Fußgruppe, und Oberschüler erklärten sich bereit, die Ordner beim Umzug zu stellen. 

Und so schaukelte dann also die heilige Ursula auf ihrem Schiff umgeben von rund 120 Fünftklässlern als größte Gruppe des Attendorner Veilchendienstagsumzugs durch die Straßen des Städtchens... „Hätte mich jemand zu Beginn gefragt, was bei dem Projekt herauskommt, wäre ich wohl ziemlich ins Schwimmen gekommen“, gibt ein schmunzelnder Projektleiter Springob zu. Doch nach dem großen Erfolg im letzten Jahr waren die Pläne für dieses Jahr schnell gemacht: „Die Jungen haben sich die vier Jahreszeiten als Thema ausgesucht.“ 

Auf dem Fahrgestell des letzten Jahres entsteht nun eine riesige Narrenkappe. In der ersten Phase war das Kreativ-Projekt natürlich den jüngsten Mitgliedern der Schulgemeinschaft vorbehalten, denn im Mittelpunkt des Kreativ-Projektes steht nach wie vor die Förderung und Entwicklung der Schul-Neulinge: „Aber den letztjährigen Wagenbau-Meistern bieten wir eine Mitarbeit in einer freiwilligen AG an“, erklärt Lehrer Springob, „Und jetzt in der heißen Schlussphase können sie ihre gelernten Fähigkeiten auch gut weitergeben.“ Wieder eine Win- Win-Situation unter der Flagge der heiligen Ursula.


24.05.2012
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