Aktuelle Ausgabe
2012-20

Steigende Rohstoffpreise machen aus Friedhöfen und Leichenhallen ein Revier für Metalldiebe

Das Kreuz mit dem Klau

Meist glänzt es nicht einmal, aber es wird dennoch fast wie in Gold aufgewogen: Kupfer ist zur begehrten Handelsware geworden. Der Preis pro Tonne liegt bei über 6000 Euro. Der für Zinn ist gleich drei Mal so hoch, und selbst für Blei, Zink und Aluminium werden noch zwischen 1000 und 2000 Euro pro Tonne bezahlt. Das bringt nicht nur professionelle Schrottsammler, sondern in starkem Maße auch Räuber auf den Plan.

von Johannes Schönwälder 

Betroffen vom Metallklau sind die Deutsche Bahn, die fast täglich Verspätungen aufgrund gestohlener Fahrdrähte zu beklagen hat, oder auch große Baustellen, auf denen Elektrokabel und Leitungsrohre über Nacht abhandenkommen. In Münster etwa verschwanden im Frühjahr mehrere Tonnen Kupferrollen bei einer Firma, die mit der Neubedachung des dortigen Doms betraut ist. Damit nicht genug: Immer häufiger sind Friedhöfe das Ziel von Dieben. Sie stehlen Grabkreuze, Grablichter und kleine Figuren. Mitunter brechen sie sogar die Inschriften von Grabplatten heraus.

Eine besondere Häufung gibt es derzeit im Raum Aachen. Allein in Würselen, Alsdorf und Eschweiler wurden innerhalb weniger Tage drei Friedhöfe von Dieben heimgesucht. „Dabei wurden jeweils über 100 Gräber geschändet“, berichtet Polizei-Sprecher Paul Kemen. In Linnich wurde laut Polizei ein Bronzekreuz von einem Familiengrab entwendet; der Wert: rund 8000 Euro. Offenbar gestört wurden Diebe, die am letzten Juni-Wochenende erneut auf dem Eschweiler Waldfriedhof am Werk waren. Metallene Lampen, Vasen und Schalen fanden Besucher am Morgen auf den Friedhofswegen – bereigelegt zum Abtransport.

Von den Tätern fehlt jede Spur.  Die Ermittler im Raum Aachen vermuten, dass die Ware in vielen Fällen über die Grenze Richtung Maastricht und Lüttich gebracht wird. „In Richtung der großen Häfen“, so Kemen. Von dort gehe sie wohl nach Osteuropa oder Übersee. Da das Diebesgut meistens eingeschmolzen werde, könnten Räuber es ohne große Schwierigkeiten bei Altmetallhändlern absetzen. Außerdem sei das Netz der Ermittler zu großmaschig, um wirklich allen Schwarzen Schafen in der Branche auf die Schliche zu kommen.

Altmetall ist sehr gefragt. In vielen Fällen sei die Aufbereitung „wesentlich billiger“ als Neugewinnung und Produktion der Metallarten, betonen Experten. Grund sei, dass zur Wiederaufbereitung weit weniger Energie verbraucht werden müsse.

Eine Zunahme der Diebstahlfälle bestätigt das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf. Im vergangenen Jahr seien insgesamt 2271 Fälle in Nordrhein-Westfalen verzeichnet worden, so LKA-Sprecher Frank Scheulen. Darunter waren 177 Fälle, bei denen der Wert des Diebesguts über 10000 Euro lag. In diesem Jahr lagen bereits bis einschließlich Mai 2073 Metalldiebstähle vor, davon 108 im preislich gehobenen Segment. Das läuft hochgerechnet auf eine Verdoppelung der Straftaten hinaus. Die Polizei gehe sowohl von Einzeltätern als auch von Banden aus, erläutert Scheulen. „Die nehmen alles, was irgendwie Gewinn verspricht.“

Nicht immer sind die Taten so spektakulär wie unlängst auf dem größten Parkfriedhof der Welt, dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Hier klauten Unbekannte eine 600 Kilogramm schwere Bronze-Statue von einem Grab. Der Coup schaffte es sogar ins Fernsehen. Aber der Raum Aachen kann bedauerlicherweise mithalten: Der im Volksmund „Et Kapellsche“ genannten Hubertuskapelle nahe Herzogenrath stahlen Diebe das gesamte Kupferdach. Und in Alsdorf drangen Unbekannte nachts sogar in die Leichenhalle ein, um metallene Sanitäranlagen aus der Wand zu reißen. „Zu der Zeit lagen keine Leichen in der Halle“, gibt der Polizeisprecher zu Protokoll. „Sonst wären sicher auch noch die Sargbeschläge entfernt worden.“

Störung der Totenruhe kommt als Delikt in den meisten Fällen zum Diebstahl also hinzu. Doch das lässt Täter immer häufiger kalt. Genau so kalt lässt sie anscheinend das Entsetzen der Menschen, die die Gräber ihrer Angehörigen geschändet und geplündert vorfinden. Für die ist der seelische Schaden sicher größer als der materielle.


24.05.2012
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