Aktuelle Ausgabe
2012-20

Vor 350 Jahren wurde der Hamburger „Michel“ eingeweiht

Das Wohnzimmer des Lieben Gottes

Vier Orgeln, zehn Portale, 2500 Sitzplätze und jährlich 1,3 Millionen Besucher: Die Hamburger Hauptkirche Sankt Michaelis wartet mit einer Menge Superlative auf – zumindest für Norddeutschland. Mit seiner ungewöhnlichen historischen und ökumenischen Prägung hält Hamburgs Wahrzeichen Nummer eins jedoch jeden Rekord. Vor 350 Jahren, am 14. März 1651, wurde der „Michel“ eingeweiht. 

Text: Sabine Kleyboldt (KNA)

Fotos: Wolfgang Radtke  

Seine Anfänge hat „das Wohnzimmer des Lieben Gottes“, wie Hauptpastor Alexander Röder seine Kirche nennt, um das Jahr 1600: Während der Pestepidemie wurde außerhalb der Stadt ein Friedhof mit einer kleinen Kirche errichtet. Angesichts der vielen Menschen, die um den 30-jährigen Krieg in der „Neustadt“ Zuflucht suchten, wurde 1647 der Bau einer größeren Kirche beschlossen: der erste Bau von Sankt Michaelis an seinem heutigen Standort, etwa 200 Meter westlich, entstand. Doch schon am 10. März 1750 brannte die Kirche nach einem Blitzschlag bis auf die Grundmauern nieder.  

Nun wich man wieder auf den „Kleinen Michel“ aus, legte aber bereits 1751 den Grundstein für den zweiten „Großen Michel“. Diesen vollendeten die Baumeister Johann Leonard Prey und Ernst Georg Sonnin am 1. Dezember 1762. Die stolze, prächtige Kirche, die die Seeleute beim Einlaufen in den Hafen grüßt und Touristen ihre Kameras zücken lässt, erhielt ihre heutige Form. Unterdessen vollzog sich am „Kleinen Michel“ ein stillschweigender Wandel: Während der französischen Besatzungszeit diente die Kirche ab 1807 als katholische Gottesdienststätte für die fremden Soldaten. Offiziell wurde sie am 13. März 1811 katholisch. Sie ist dem Gründer des Bistums Hamburg, Bischof Ansgar (801-865), geweiht und nennt sich heute offiziell „Sankt Ansgar/Kleiner Michel“.   

Doch dem benachbarten „Großen Michel“ drohte das nächste Unheil: 1906 kam es bei Lötarbeiten am Turm zu einem Schwelbrand, dem die gesamte Kirche zum Opfer fiel. Nur sechs Jahre später konnte der „Michel“ wieder eingeweiht werden – um 1945 wiederum massive Bombenschäden zu erleiden, die bis 1952 behoben waren. Zwischen 1983 und 2009 wurde Norddeutschlands größte Barockkirche nochmals grundlegend saniert.  

Mancher, der das 52 Meter lange Gotteshaus heute betritt, wähnt sich in einer katholischen Kirche. „Ja, klar, die lutherische Kirche ist ja auch katholisch – im Sinne von weltumspannend, aber nicht römisch-katholisch“, sagt „Michel“-Hauptpastor Röder. Der hier gezeigte Barock sei nicht so überladen und daher für eher nüchterne norddeutsche Gemüter erträglich, meint der 50-Jährige. Die kreuzförmig angelegte lichte Halle strahle vornehme Zurückhaltung aus, die trotzdem etwas von Wohlstand und Glauben der Stadt zeige: Der 20 Meter hohe Altar mit dem auferstandenen Christus, das marmorne Taufbecken, gehalten von drei Putten, und die Kanzel, die sich dem Betrachter geradezu in den Weg stellt, da der Glaube über das Wort und die Verkündigung gehe, meint der Theologe.   

Auf die vier Orgeln, auf denen Kompositionen von Bach bis zur zeitgenössischen Literatur zum jeweils richtigen Klang kommen, ist der Pastor besonders stolz. Der Kirchenmusik fühlt sich der „Michel“ verpflichtet, trägt eine der Orgeln doch den Namen des in Hamburg geborenen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Und in der Krypta liegt kein Geringerer als der Bach-Sohn Carl Philipp Emmanuel (1714-1788) begraben.   

Mit dem „katholischen Missverständnis“ hat Röder kein Problem: „Dass wir unsere Kirche auch anderen Konfessionen zur Verfügung stellen, ist für uns ein Zeichen der großen Gastfreundschaft in Hamburgs funktionierender Ökumene.“ Ob die traditionelle katholische Sankt-Ansgar-Vesper im Februar, der Schulgottesdienst der katholischen Sophie-Barat-Schule, der ökumenische Gottesdienst zum Hafengeburtstag, die Trauerfeiern für Heidi Kabel oder Loki Schmidt oder gar die Meisterfreisprechung der Handwerkskammer: Berührungsängste kennt man hier nur in sehr begrenztem Maße.  

„Wir haben weniger Angst vor Ökumene und Öffnung nach außen als andere“, unterstreicht Röder, der die Gemeinde seit gut fünf Jahren leitet. Selbst den päpstlichen Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem hieß man im vergangenen Mai hier herzlich willkommen: Für ihren Investiturtag hätten die Grabesritter im katholischen Mariendom nicht genug Platz gehabt. „Wir haben nicht nur den Blick nach außen, sondern holen die Welt auch in die Kirche rein“, meint Röder.   

Wer den Blick über die Stadt haben will, steigt am besten auf den 132 Meter hohen Turm. Die 453 Stufen zur Plattform in 82 Metern Höhe führen auch vorbei an der Turmuhr, mit acht Metern Durchmesser die größte Deutschlands. Der Aufstieg – wahlweise auch per Aufzug möglich – wird mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt.   

Fast zum Greifen nah erscheint auch die bekannteste Baustelle der Hansestadt: die Elbphilharmonie in der Hafencity. Hamburgs kommendes Wahrzeichen? Hauptpastor Röder schüttelt den Kopf. „Wir freuen uns, wenn die Elbphilharmonie mal fertig wird, haben aber keine Angst vor Konkurrenz. Schließlich ist der Michel in der Geschichte gewachsen und nicht aus dem Boden gestampft.“ 


24.05.2012
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