Schriftsteller unserer Zeit vor der Gottesfrage
Ich gönne mir das Wort „Gott“

- Dr. theol. Georg Langenhorst wurde 1962 in Hamm geboren und ist dort aufgewachsen. Promotion und Habilitation erfolgten an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Seit 2006 ist er Professor für Didaktik des katholischen Religionsunterricht und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, vor allem im Spannungsfeld von Theologie und Literatur. Im vergangenen Jahr erschien „Christliche Literatur für unsere Zeit. 50 Leseempfehlungen“ (Verlag Sankt Michaelsbund, München).
Von einer „Renaissance des Religiösen“ in der Literatur spricht der Theologe Georg Langenhorst in seinem Gastbeitrag. Der Augsburger Wissenschaftler beschreibt, wie sich dieses wiedererwachte Interesse im Einzelnen darstellt, und führt beispielhafte Werke an.
Unter dem Titel: „Ich gönne mir das Wort Gott!“ Unter diesem Titel eröffnete die Wochenzeitung „Die Zeit“ in der Herbstliteraturbeilage 2005 ein Interview mit Andreas Maier (geboren 1968), einem der wichtigsten Repräsentanten der jungen deutschsprachigen Literatur. Warum das Wort „Gott“? – „Wenn man sich dieses Wort verbietet, hat man extreme Schwierigkeiten, bestimmte Dinge zu sagen.“
Diese Aussage steht für eine überraschende Entwicklung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Gottesfrage, Religion, Konfession – all das war für einige Jahrzehnte ein Tabu. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch eine neue Entwicklung: Unbefangen, neugierig, abwägend geht eine neue Generation von Schriftstellern auf den lange Zeit tabuisierten Bereich zu. Man kann mit guten Gründen von einer Renaissance des Religiösen in der Literatur sprechen. Das ist vor allem deshalb überraschend, weil die klassische christliche Literatur lange Zeit als ausgestorbene literarische Gattung galt.
Das Christentum bleibt in ganz unterschiedlichen Bereichen literarisch fruchtbar und produktiv. Eine platte Bestätigung kirchlicher Lehre darf man sich als Leser dabei nicht erwarten. Eher geht es um eine ringend-suchende Auseinandersetzung. Einige Tendenzen seien hier benannt. In einer ersten Traditionslinie im Bereich des Romans gehört das Christentum zum Milieu der erzählten Handlung. Hier geht es darum, das Leben von Menschen in einer eben auch vom Christentum geprägten Welt zu schildern. Gerade die gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen werden dabei zum Thema, spiegeln und bedingen sie doch die Lebensentwicklungen der Protagonisten. Die Linie derartiger Romane zieht sich von Arnold Stadlers Romanwerk seit den 80er-Jahren (zuletzt: „Komm, gehen wir“ 2007) bis zu Petra Morsbachs feinfühligem Priesterroman „Gottesdiener“ (2004).
In anderen Büchern besinnen sich Schriftsteller der heute mittleren Generation auf ihr Aufwachsen. In fiktionaler Verkleidung schildern sie den Weg von Kindheit über Jugend bis in das Erwachsenenalter und bedenken dabei auch die Rolle von Religion. So etwa in Hanns-Josef Ortheils „Lo und Lu“ (2001), Ulla Hahns „Das verborgene Wort“ (2001), Ralf Rothmanns „Junges Licht“ (2004) oder Thomas Hürlimanns „40 Rosen“ (2006). Vor allem die spezifisch katholischen Prägungen fallen auf: Die Sakramente, der Gottesdienstbesuch, die Feste des Kirchenjahrs, die Sprache von Bibel und Liturgie – all das trug zur Selbstwerdung bei. Für manche überwiegt die positive Erinnerung, einige stellen vor allem die Schilderung von Enge und Zwang in den Mittelpunkt.
Doch auch andere literarische Zugänge finden sich: So kann das Religiöse eher in grotesken oder phantastischen Formen fruchtbar werden, etwa bei Sibylle Lewitscharoff („Consummatus“ 2006) oder Felicitas Hoppe („Johanna“ 2006). Immer wieder finden sich daneben biblisch inspirierte Erzählungen und Novellen (etwa Patrick Roth – „Resurrection. Die Christus Trilogie“ 2003).
Auch im Bereich der Lyrik wirkt das Christentum weiterhin und neu kulturell produktiv. Keine Frage: Verse im Stil Gertrud von le Forts oder Reinhold Schneiders lassen sich seit den 50er-Jahren nur noch als klischeehafte Imitation schreiben. Sehr wohl lassen sich aber christliches Gedankengut und christliche Sprachformen so beerben, dass Anknüpfung und Bruch deutlich werden und zeitgenössische Erfahrungen in gegenwärtig angemessenem Stil Ausdruck finden können. Ralf Rothmanns Sammlung „Gebet in Ruinen“ (2000) zählt dazu oder Kurt Martis „Du. Eine Rühmung“ (2007), um nur einige herausragende Beispiele zu nennen.
Selbst im Theater der Gegenwart zeigt sich eine neue Offenheit für religiöse Themen – man denke nur an das Erfolgsstück „Der Bus“ von Lukas Bärfuss (2005) –, wobei das handlungsorientierte Theater eher spektakuläre und provokative Auseinandersetzungen präsentieren muss.
Offensichtlich haben Religion und Konfession, hat die Bibel und die direkte Auseinandersetzung mit der Gottesfrage gerade heute wieder eine große Anregungskraft für die Literatur. Unabhängig und meist außerhalb von Kirche sind diese Themen, sind aber auch die sprachlichen Formen von Religion von großem Interesse. Es lohnt sich, diese literarischen Werke wahrzunehmen und sich von ihnen anregen und herausfordern zu lassen. Zum einen erschließt sich ein vielfach unbekannter, äußerst reizvoller religiöser Kosmos außerhalb von Kirche, zum anderen helfen diese Werke, sich selbst besser verstehen zu können.
Professor Georg Langenhorst






