Marianne Hildebrand hat mehr als 20000 Sterbebildchen gesammelt
Die letzte Visitenkarte
Die einen sammeln Briefmarken, die anderen Modellautos. Objekte der Sammelleidenschaft gibt es viele. Eine Frau aus Regensburg hat die Trauerkarte einer Schulfreundin aufbewahrt: Der Beginn einer ungewöhnlichen Sammlung von Trauerbildern.
Text: Christian Wölfel
Fotos: Katharina Ebel
„Warum sollte ich traurig sein.“ Marianne Hildebrand formuliert den Satz nicht als Frage, sondern so, als ob sie nicht verstehen könne, wa-rum eine solche Frage kommt. Währenddessen zieht sie einen DIN-A5-Ordner aus dem Regal. Fein säuberlich sortiert in Klarsichthüllen enthält er unermessliche Trauer – zumindest den sichtbaren Ausdruck davon. „Ich hab so viel Freude damit.“ Mehr als ein Dutzend solcher Ordner hat sie. Insgesamt 20000 Sterbebildchen sind es, die sie in ihrem Haus am Rande von Regensburg aufbewahrt.
Hildebrand blättert, schlägt eine Hülle nach der anderen auf. Gesichter ziehen an einem vorbei, die man einstmals in den Fernsehnachrichten sah. Sie hat den Sterbebildchen-Ordner mit Politikern erwischt. Alfons Goppel und Max Streibl stecken da in den Klarsichthüllen, gleich danach kommt Franz-Josef Strauß. „Es gibt kein Sterbebildchen, das es so oft gibt“, erklärt Hildebrand. Zwölf Stück hat sie allein davon. Erst jüngst wieder, pünktlich zum 20. Todestag, seien in Zeitungen und im Internet Bildchen des früheren bayerischen Ministerpräsidenten zum Kauf angeboten worden. Ein schlechtes Geschäft wäre das, findet die Regensburgerin.
Ganz anders verhielte es sich da mit der jung verstorbenen Lady Diana, deren Bild seine Ruhe im Ordner der Ru-brik Adel fand. Hildebrand besitzt zwei Bildchen, doch jedes einzelne sei eine Besonderheit, wie sie sagt. Ein offizielles der Familie, das andere das der beiden Söhne. Die Königin der Herzen muss sich mit jeder Menge Gräfinnen und Grafen ihren Platz in Hildebrands Sammlung teilen. Auch mit der legendären Kaiserin Sissi, auf deren Trauerbild Hildebrand ebenso stolz ist wie auf das von Queen Mum aus England: „Schauen Sie sich das schillernde Papier und die schönen Fotos an.“
So blättert sich Hildebrand durch das gedruckte Andenken, weist auf diese und jene Besonderheit hin; nicht mit einem traurigen, sondern zufriedenen Gesichtsausdruck. Mit dem Bild einer Schulfreundin hat die Sammlung der Regensburgerin begonnen, später hat sie Bildchen aus der Kirche mitgenommen, die aus Gesangbüchern fielen, und
irgendwann brachten ihr Freunde und Bekannte weitere Stücke für die Sammlung mit. „Der eine raucht, der andere trinkt oder geht aus“, begründet sie ihre ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung.
Auch heute noch lebt Hildebrands Leidenschaft gewissermaßen von dem, was sie zugeschickt bekommt. Dicke Briefumschläge landen immer wieder in ihrem Briefkasten. Und auf Flohmärkten habe sie schon so manche Kiste voller Sterbebildchen für wenig Geld erstanden, erzählt sie. Außerdem gebe es da noch andere Sammler, mit denen sie tausche, und Quellen, die sie nicht verraten will, aus Angst sie zu verlieren. Nur auf Beerdigungen allein der Bildchen wegen gehe sie aber nicht. Umso mehr könne sie sich dann freuen, wenn sie trotzdem echte Raritäten bekomme. Maria Schell zum Beispiel, „es gab nur 150 Bildchen, eins davon habe ich“. Dafür fehlt ihr immer noch Bruder Konrad aus Altötting.
So denken auch Briefmarkensammler. Doch so ein Vergleich greift zumindest bei der Regensburgerin zu kurz. Denn sie versteht ihre Sammlung gewissermaßen als Brauchtumspflege und Andenken zugleich. „Mit dem Sterbebild soll der Mensch darauf hingewiesen werden, dass er an die Verstorbenen denkt und für sie betet“, erklärt Hildebrand. Dies gerate jedoch in einer Gesellschaft, in der das Sterben zunehmend tabuisiert werde, in Vergessenheit. „Wenn die Katze stirbt, vergraben Kinder sie im Garten, doch die tote Oma schauen sie nicht mehr an.“ Und das Sterbebildchen vergammele in der Schublade, dabei sei es doch so etwas wie „die letzte Visitenkarte“ eines Menschen.
Und der werde eben immer weniger Wert beigemessen. Hildebrand zeigt ein Bild einer jungen Frau im leichten Oberteil am Strand, danach einen Mann mit Tätowierungen. „Früher hat man noch die besten Bilder genommen, für die man mit der schönen Bluse und dem Spitzenkragen zum Fotografen ist.“ Hildebrand deutet auf alte Bilder. In ebenso alten Rahmen hat sie die Bilder fein säuberlich aufgereiht. In Ausstellungen präsentiert sie immer wieder eine Auswahl ihrer Sammlung.
Gezeigt werden dabei nicht nur Prominente wie Roy Black, Rudolph Mooshammer oder Leni Riefenstahl, Päpste und sogar die Hebamme des jetzigen, sondern auch das letzte Andenken ganz normaler Menschen, sortiert nach bestimmten Kriterien: Die Jäger haben ebenso einen eigenen Rahmen bekommen wie Menschen mit kuriosen Namen wie Salat, Rindfleisch oder Schimmel. „Schauen Sie mal, wie sich die Brillenmode verändert hat oder die Frisuren und Bärte. Es ist ganz lustig, oder?“







