Aktuelle Ausgabe
2012-20

Im Lehmbruck-Museum können demente Menschen Kunst erleben

Keine Berührungsängste

Einmal im Monat bietet das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg in Zusammenarbeit mit der Alzheimergesellschaft spezielle Führungen für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und Betreuer an. Berührungsängste haben dabei weder die Senioren noch die Veranstalter. 

Text: Angelika Prauß

Fotos: Harald Oppitz (KNA) 

„Alles dran“, strahlt Anneliese Wegner (Namen der Senioren geändert), als sie die Säuglingspuppe auf ihrem Arm näher begutachtet. Sie ist eine exakte Kopie eines Teils der Plastik „Mutter und Kind“ – jener Skulptur von Wilhelm Lehmbruck, vor der die Seniorin gerade steht. Die über 80-Jährige besucht mit vier weiteren dementen Bewohnern eines Düsseldorfer Altenheims ein bundesweit bislang wohl einmaliges Projekt: Eine Führung speziell  für Menschen mit Demenz.

Damit die betagten Gäste die modernen Skulpturen besser erfassen können, wurden ausgewählte Exponate nachgebaut. Seit 2007 gibt es das ungewöhnliche Angebot, das von Museumspädagogin Sybille Kastner ins Leben gerufen wurde. Da sie bereits als Pflegehelferin in der Altenpflege gearbeitet hat, kennt sie sich mit dem Krankheitsbild Demenz aus. Auf die Idee, demente Menschen ins Museum einzuladen, brachte sie eine Kollegin. „Sie pflegt ihre alzheimerkranke Mutter und hatte überlegt, wie man noch schöne Ereignisse in ihr Leben bringen kann“, erklärt Kastner. Um ihr ein wenig Abwechslung zu bieten, nahm die Kollegin ihre Mutter mit ins Museum. 

Beide Museumspädagoginnen waren begeistert, wie gut der alten Dame der Abstecher in die Welt der Kunst getan hat. Nachdem auch der frühere Museumsdirektor Christoph Brockhaus der Initiative gegenüber aufgeschlossen war, organisiert Kastner nun regelmäßig Führungen für demente Menschen. 

Am heutigen Donnerstagnachmittag sind kaum Besucher im weitläufigen Museumsgebäude; bewusst finden die Führungen außerhalb der publikumsstärksten Öffnungszeiten statt. Die rund zweistündige Aktion beginnt mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken in der Cafeteria. Dort sind schon drei Tische liebevoll gedeckt. Museumspädagogin Kastner begrüßt die Senioren aus dem Düsseldorfer Ferdinandheim und ihre Begleiter. Die 45-Jährige verrät, dass sie für heute Kunstwerke unter dem Thema „Mutter und Kind“ ausgewählt habe. Zum Abschluss werden die Gäste dann selbst – ganz in der Tradition von Museumsgründer Lehmbruck – im museumseigenen Werkraum mit Ton eigene Skulpturen kneten.

Kastner sieht sich in einer vermittelnden Rolle – „den Rest macht die Kunst“. Über sie entstehe ein direkter Zugang zu den Menschen. Damit dieser gelingt, bemüht sich die Museumspädagogin, den Bedürfnissen ihrer besonderen Besucher gerecht zu werden. Es gehe nicht darum, möglichst viel in die zwei gemeinsamen Stunden hineinzupacken – „Quantität ist überhaupt nicht entscheidend“.   

Nach dem Begrüßungskaffee setzt sich die kleine Gruppe, begleitet von einer zweiten Museumsmitarbeiterin und einem Helfer, in Bewegung. Dank des barrierefreien Museums, das auch über Rollstuhlrampen verfügt, kommen auch gehbehinderte Besucher zu dem ersten Objekt: eine Replik der Skulptur „Lebensretter“ von Niki de Saint Phalles, das bekannteste Duisburger Kunstobjekt. Vor der knallbunten, überlebensgroßen Figur stehen schon Stühle im Halbkreis bereit, auf denen sich die betagten Gäste niederlassen können.

„Schauen Sie mal“, beginnt Kastner ihre Ausführungen, „das ist der Lebensretter, ein großer Vogel“. „Die Figur ist eine Art Wahrzeichen unserer Stadt“, erklärt die Pädagogin mit ruhiger Stimme weiter. An sie klammert sich eine bunte Figur mit Badeanzug. Eine Miniatur von ihr können die Senioren in die Arme schließen. Anneliese Wegner herzt die Puppe, bevor sie sie an Helene Schwarz weitergibt mit dem Hinweis: „Die müssen Sie am Po halten!“ Die alte Dame wiegt die Figur skeptisch. Weniger Berührungsängste hat Willi Mahler, er küsst die Skulptur gleich strahlend auf ihren kleinen schwarzen Kopf. 

Dann fragt Kastner ihre Zuhörer, welcher Vogel das wohl sein könnte. „Das stellt doch ein Tier dar – aber ich weiß nicht mehr welches“, meint Helene Schwarz. „Ein Seeadler“, meint eine ältere Dame, „Papagei?“, fragt eine andere etwas unschlüssig. „Das ist kein Adler“, meint Willi Mahler bestimmt; Heinz Hansen sagt ebenso bestimmt „kein Kaninchen“. – „Ein Fantasievogel“, meint die Museumspädagogin diplomatisch. Helene Schwarz ist skeptisch, „...und das soll ein Lebensretter sein?!“ – „Man muss sich völlig von einer normalen Führung lösen, es sind keine Informationen über die Künstler oder kunsthistorisches Fachwissen gefragt“, erläutert Kastner ihren Ansatz. Viel wichtiger seien das sinnliche Erleben und die Möglichkeit, darüber ins Gespräch zu kommen.

Während die Gruppe noch bei einer anderen Plastik verweilt, zieht es Heinz Hansen schon zum „Mädchen mit aufgestütztem Bein“. Er betrachtet die Skulptur einer nackten Frau aufmerksam. „Der Wilhelm Lehmbruck hat gerne schöne Frauen gemacht“, erklärt Museumspädagogin Kastner, die inzwischen mit den anderen Senioren nachgekommen ist. „Da haben wir keine Chancen mehr“, meint Willi Mahler; „ich schon!“, kokettiert Heinz Hansen. „Ich hab ‘nen guten Geschmack...“, lässt der Senior augenzwinkernd durchblicken. Auf die Frage, ob die reglose Schönheit nach seinem Geschmack sei, meint er trocken: „Viel zu alt!“.  

Museumspädagogin Kastner ist immer wieder erstaunt, wie sich die dementen Besucher auf die Kunstwerke einlassen. Keine Führung sei wie die andere; sie müsse spontan und flexibel sein. Dabei versucht sie, „möglichst positive Emotionen zu wecken“, verrät die Expertin. Gleichwohl kann sie nicht vermeiden, dass auch negative Erinnerungen hochkommen. Helene Schwarz etwa, die in jungen Jahren ein Baby verloren hat, konnte die Puppenskulptur nicht in den Arm nehmen.

Für sie und die anderen dementen Senioren des
Ferdinandheims war der Ausflug dennoch ein Erfolg, den auch Heimmitarbeiterin Verena Obst beobachtet. Sie ist erstmals mit ihren Bewohnern nach Duisburg gekommen. „Ich hätte nicht gedacht, dass alle so aufgeschlossen sein würden – ich bin ganz begeistert.“ Sie spürt, dass ihre Bewohner nach den zwei Stunden entspannter sind und Spaß gehabt haben. „Ich kann es nicht mehr hören, dass die Leute im Altenheim immer nur an die Wand gucken.“ Deshalb ist es ihr wichtig, auch dementen Menschen solche kulturellen Angebote zu ermöglichen.

Museumspädagogin Kastner wünscht sich, dass sich auch demente Menschen im häuslichen Kontext und deren pflegende Angehörige trauen, das Angebot des Museums zu nutzen. Sie weiß, dass der Druck auf die Pflegenden zu Hause sehr groß ist – „hier bei uns können sie sich mit ihren dementen Angehörigen in einem sicheren Rahmen bewegen“. Zudem erlebten sie gemeinsam etwas Schönes. Dabei möchte die Museumspädagogin gar nicht die Werbetrommel für ihr ungewöhnliches Angebot im Duisburger Museum rühren. Denn eigentlich, so meint Kastner, müssten solche Führungen längst auch in anderen Museen angeboten werden.

Info

Das Museum bietet seit Anfang 2007 in Kooperation mit der AlzheimerGesellschaft Duisburg Führungen für Menschen mit Demenz an. Informationen: 0203/283329 (Museum); 0203/3095-104 (Alzheimer-Gesellschaft Duisburg e.

 

 


24.05.2012
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