Idyllisch gelegene Kapellen laden im Voralpenland zur Einkehr
Wallfahrten zu den vier Felsen
Abseits berühmter Gnadenorte gibt es in den oberbayerischen Bergen eine Reihe idyllischer Wallfahrtskirchlein. Birkenstein, Petersberg, Klobenstein und Streichen verbindet bei aller unterschiedlichen Prägung eines: das Zusammenspiel von Felsen, Kapelle und Wirtshaus in malerischer Landschaft. Dieser Dreiklang zieht Pilger, Ausflügler und Familien gleichermaßen an.
Text: Christoph Renzikowski Fotos: Katharina Ebel (KNA)
Die Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt in Birkenstein in der Fischbachau feiert 2010 Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde sie nach dem Vorbild des Heiligen Hauses von Loreto am Fuße des Breitensteins über einem Felsen am Waldrand errichtet. Die etwa 50 Jahre später entstandene Rokoko-Einrichtung ist bis heute unverändert erhalten. Vom irdischen „Raum des Glaubens“ werden die Augen des Betrachters in den verspiegelten „Raum der Verherrlichung“ gelenkt, der keine Grenzen mehr kennt. Ein Birkenhain mit einem hölzernen, überdachten Freialtar gehört zum Ensemble dazu, das ein rauschender Bergbach begrenzt.
Eresta Mayr ist die gute Seele Birkensteins. Seit 51 Jahren verrichtet die Arme Schulschwester den Küsterdienst. „Ich kenne jeden Stein hier“, sagt sie. Ihre hellwachen Augen bemerken sofort, wenn jemand ihren Zuspruch braucht, zum Beispiel Pilger, die nicht wissen, wie sie ihr Anliegen in Worte fassen sollen.
Die Ordensfrau erinnert sich an eine Schar Wandersleute. Sie sorgten sich um ihren Arbeitskollegen, denn der lag mit einer Gehirnblutung im Krankenhaus. Recht hilflos kamen sie ihr vor. Die Schwester lud die Männer zum gemeinsamen Gebet ein: Vaterunser, Gegrüßest seist Du Maria. Langsam wurden die zaghaften Stimmen fester. Nach 20 Minuten war es gut. Ein Vierteljahr später kamen sie wieder – mit ihrem gesunden Kameraden.
Ein volkstümlicher Marienwallfahrtsort ist Birkenstein bis heute. Von Gebetserhörungen künden zahllose Votivbilder, die dicht an dicht an den Seitenwänden der Kapelle hängen. Spektakuläre Wunder sind nicht das, was Birkenstein ausmacht, sagt Schwester Eresta. Alltagsnöte lassen die Menschen kommen: die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, das Gebet um einen guten Partner für die Enkelin, aber auch für ein gerechtes Urteil bei Erbstreitigkeiten.
Seit 25 Jahren führt die Schwester sorgsam Buch über das Wallfahrtsgeschehen. Es berichtet von einem regelrechten Boom. Jede zweite Fußwallfahrt ist nach 1980 entstanden. Um registriert zu werden, müssen die Pilger schon zehn Jahre hintereinander kommen. „Vorher sind das Eintagsfliegen“, sagt die Ordensfrau.
Bei der Auffahrt zum Peterskirchl drehen die Räder des schweren Geländewagens leicht durch. Angesichts der Hitze zieht der Flintsbacher Pfarrer Josef Steinberger das Auto dem beschwerlichen Fußweg vor. Er hat eine Sondergenehmigung. Am Abzweig von der Fahrstraße zum Hohen Asten beginnt der Apostelweg. Auf zwölf Bronzetafeln hat der Rosenheimer Bildhauer Josef Hamberger 1978 die engsten Gefährten Jesu dargestellt. Alle haben eine Botschaft für die Vorbeigehenden. So mahnt Judas, der Jesus für 30 Silberlinge an seine Häscher verriet: „Widersteht der Versuchung“.
Vom Petersberg bietet sich ein fantastischer Blick über Inntal und Oberland. Pfarrer Steinberger hat nichts dagegen, dass der Wirt des benachbarten Gasthauses seine Bierbänke bis direkt vor die Kirche gestellt hat. Dort ist die Aussicht am schönsten. Mike Lohmann bewirtschaftet die Einkehr in dem früheren Propsteigebäude erst seit vergangenem Herbst. Dazu gehört auch die Schlüsselgewalt über die Kapelle. Wenn er Zeit hat, lässt der Wirt die Besucher auch durch das Absperrgitter ins Innere der mehr als 700 Jahre alten Kirche.
Wallfahrer finden nur noch selten auf den Petersberg. Alle zwei Jahre kommen Volksmusikanten aus der Umgebung, ein Pestgelübde 1624 hält die Rochuswallfahrt dreier Dörfer am Leben. Umso begehrter ist die Kapelle bei Hochzeitspaaren. Allerdings müssen diese und ihre Gäste gut zu Fuß sein, denn Pfarrer und Wirt achten darauf, dass nicht zu viele Autos den gefährlich steilen Forstweg befahren. Einmal im Monat feiert Steinberger eine Sonntagsmesse. Wer sich das Datum nicht merken kann, schaut am besten am Vorabend aus dem Tal nach oben. Da wird die Kapelle angestrahlt.
Gar nicht so einfach zu fotografieren ist die auf einem Felsgrat, hoch über der Tiroler Ache bei Schleching gelegene Streichenkirche. Für die beste Perspektive muss man sich auf die Kuhweide der Bäckeralm begeben. Dann gibt die Kampenwand mit ihrer langgestreckten Zackenkrone den perfekten Hintergrund ab. Die Kapelle ist ein uralter Wallfahrtsort, an dem Bauern bis weit in die Barockzeit hinein den Wettersegen zu erlangen suchten. Der Innenraum überwältigt den Besucher mit seinen bunten spätgotischen Fresken.
Eine kuriose Seltenheit bietet der rechte Seitenaltar. Dort macht ein blond gelockter Jesusknabe in der Obhut seiner Großmutter Anna und der heiligen Helena in einem hölzernen Gestell auf Rädern erste Gehversuche. Die Streichenkirche lässt sich von einem Wanderparkplatz in einer Viertelstunde gut erreichen, es gibt aber auch längere Wanderwege. Stärken kann sich der Besucher beim Streichenwirt im einstigen Küsterhaus unterhalb der Kirche, wo auch der Schlüssel für die Kapelle verwahrt wird.
Nur wenige Kilometer südlich zwängt sich die Tiroler Ache durch die Entenlochklamm. Auf einer Hängebrücke kann man den reißenden Fluss trockenen Fußes überqueren. Nach kurzem Aufstieg stößt man auf einen merkwürdigen, rund zehn Meter hohen gespaltenen Felsklotz. Vom „geklobenen Stein“ hat Klobenstein seinen Namen.
Der Legende nach soll eine Frau hier vor dem sicheren Tod bewahrt worden sein. Als sie einen vom Berg herabstürzenden Brocken auf sich zufliegen sah, schickte sie ein Stoßgebet zur Gottesmutter in den Himmel. Da brach der Block in der Mitte entzwei, bevor er sie traf. Jedenfalls gab es seit alter Zeit ein Marienbild an dem Stein, das von den Menschen der Umgebung sehr verehrt wurde. Die Kirche oberhalb ist jüngeren Datums und ebenfalls wie Birkenstein nach dem Vorbild von Loreto gestaltet. In einer Lourdeskapelle nebenan entspringt eine Quelle, die als heilkräftig gilt.
Gottesdienste finden jeden Samstag um 9 Uhr statt. In der früheren Einsiedelei unterhalb des Klobensteins befindet sich heute ein gemütliches Gasthaus, dessen Stuben nachts nur durch Kerzenlicht erhellt werden. Es lockt die Hungrigen mit Flusskrebsen und an Wochenenden mit bayerischer Bio-Ente.






