Seelsorge in Island erfordert viel Kreativität – und einen Computer
Katechese via Skype
Island ist mit seinen 320000 Einwohnern auf einer Fläche von 103000 Quadratkilometern das am dünnsten besiedelte Land Europas. Die 17 Priester und rund 40 Ordensleute müssen somit nicht nur viel reisen, um die Gläubigen zu erreichen, sondern auch in der Betreuung der Gemeindemitglieder sehr kreativ sein.
Text: Angelika Prauß
Fotos: Wolfgang Radtke
„Ein Katholik pro Kilometer – das ist Mission...“, sagt Kapuziner David Tencer und deutet auf eine Landkarte von Island. Seine Gemeinde St. Thorlak erstreckt sich über 600 Kilometer, rund um den Süd- und Ostteil des Vatnajökull, des größten Gletschers Europas.
Um die 600 Schäfchen ihrer Kirchengemeinde zu erreichen, müssen sich der Priester und seine beiden Mitbrüder etwas einfallen lassen – auch bei der Katechese. Denn unmöglich können etwa Kinder für die Erstkommunionvorbereitung jede Woche bis zu 600 Kilometer nach Reydafjödur in den gleichnamigen Ost-fjord reisen. Und so hält Bruder David die Erstkommunion- und Firmkatechese eben via Skype am PC, telefoniert also übers Internet mit ihnen.
Meist finden die Gespräche abends statt, „wenn die Kinder zu Hause sind“, erklärt der Kapuziner. Dann zieht sich der 46-Jährige in den Wintergarten des kleinen Klosters Kollaleira – einen ehemaligen Bauernhof – zurück, stopft seine Pfeife und fährt seinen Laptop hoch. Von dort hat er einen schönen Blick über die Bucht und auf den kleinen Wasserfall am gegenüberliegenden Berg. Wie er da so sitzt, wirkt die Szenerie wie eine Kommandozentrale im Namen des Herrn.
Hier stellt Bruder David auch die Unterrichtsmaterialien in Form von Power-Point-Präsentationen zusammen. Denn auf Katechesebücher kann der Kapuziner nicht zurückgreifen, „es gibt einfach keine und auch kein organisiertes Katechesesystem“, sagt der Geistliche. Sein Unterrichtsmaterial in englischer Sprache bastelt er deshalb selbst an seinem Laptop zusammen, recherchiert im Internet, entwickelt eigene Kurse – etwa über Altes und Neues Testament, die Messe, den Glauben. Die Kinder öffnen die neuen Unterlagen und tauschen sich dann mit dem Seelsorger über den neuen Stoff via Internet aus. Immerhin erreicht Bruder David so rund 120 junge Menschen.
Andere Katholiken kommen direkt zu den Kapuzinern. Die kleine Klosterkapelle von St. Thorlak wird von den Einheimischen gerne besucht. Zur Sonntagsmesse können die Ordensmänner rund 15 Isländer begrüßen. Zudem besuchen die polnischen Arbeiter des benachbarten Aluminiumwerkes den samstäglichen Gottesdienst im Kloster. Wegen ihnen kamen die Brüder vor sechs Jahren überhaupt in den Osten Islands. 2004 wurden ausländische Arbeitskräfte von der isländischen Regierung angeworben, um in dem Ostfjord das Aluminiumwerk sowie das dafür nötige Wasserkraftwerk zu bauen. Die neue Industrie sollte die Abwanderung der Bewohner in den bevölkerungsreichen Südwesten stoppen.
Doch nun sind durch die Wirtschaftskrise viele wieder in ihre polnische Heimat zurückgekehrt; die verbliebenen katholischen Arbeitskräfte freuen sich über das Seelsorgeangebot der Kapuziner, die vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt werden. Bislang setzten sie sich nach der Messe im Keller des Klosters noch auf einen Kaffee zusammen. Bald dürften dazu bessere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen: Bruder Peter Kovacik, ein gelernter Zimmermann, will den früheren Schafstall des Bauernhofes in einen Gemeinderaum umbauen.
Und ansonsten heißt es, wie so oft in Island: flexibel sein. Weil Bruder David einen guten Draht zum Besitzer der örtlichen Fischfabrik hat, wird auch dort einmal im Monat Messe gefeiert. Gibt es solche Möglichkeiten nicht, trifft man sich in einer lutherischen Kirche oder auch mal in Privathäusern zur Messe. Denn die nächste katholische Kirche befindet sich im 265 Kilometer entfernten Akureyri im Norden.
Die Situation von St. Thorlak, benannt nach dem isländischen Nationalheiligen, ist typisch für die katholische Kirche des Landes und die Diaspora. Gerade einmal 9351 Isländer sind katholisch. Sie leben zerstreut über das ganze Land verteilt, die Wege sind weit und die Straßen- und Wetterverhältnisse oft widrig. Mit seinen 320000 Einwohnern und einer Fläche von 103000 Quadratkilometern ist Island das am dünnsten besiedelte Land Europas. Die 17 Priester und rund 40 Ordensleute müssen somit nicht nur kreativ sein, sondern auch viel reisen, um die Gläubigen zu erreichen.
„100 bis 200 Kilometer am Tag sind normal“, sagt Bruder David. So schaffen er und seine Mitbrüder es, wenigstens in den wichtigsten Orten des Gemeindegebiets von St. Thorlak alle ein bis zwei Monate einmal die Messe zu feiern. Mit einem positiven Nebeneffekt: „Wenn es nicht so oft ist, kommen sie alle!“, freut sich der aus der Slowakei stammende Ordensmann. Er versteht sich als Gemeindepriester für die Region – nicht nur für die Katholiken. „Ich bete für alle 20000, weil sie zu meinem Gebiet gehören.“






