Aktuelle Ausgabe
2012-20

Hinter den Kulissen der Passionsspiele im Sauerland

Kreuzigung in Hallenberg

„Eine Finsternis brach über das ganze Land herein, und die Sonne verdunkelte sich.“ Diese berühmten Worte aus der Heiligen Schrift wurden bei der Premiere der diesjährigen Passionsspiele im sauerländischen Hallenberg Anfang Juni buchstäblich zur Regieanweisung. Denn während Jesus den Kreuzestod starb, begann es tatsächlich zu regnen und zu donnern. 1200 Zuschauer der Freilichtbühne Hallenberg fühlten sich in die Zeit Jesu zurückversetzt. Dafür arbeiten über 150 Ehrenamtliche vor und hinter den Kulissen.

Text: Birger Berbüsse

Fotos: Gerd Vieler 

Fünf Stunden zuvor und noch bei strahlendem Sonnenschein ist auf der großräumigen Anlage hoch über dem kleinen Dorf an der hessischen Grenze von Aufregung noch nichts zu spüren. In der Geschäftsstelle sitzen Ursula Knecht und Angelika Pöllmann und sortieren die vorbestellten Karten. Die „Passion“ steht in Hallenberg alle zehn Jahre auf dem Programm, dazwischen wird „weltliches“ Programm gespielt. Rund 30000 Zuschauer kommen dann im Sommer zu den Vorstellungen. „Aber die Passion zieht immer rund ein Drittel mehr Besucher an“, verweist Ursula Knecht auf die rund 42000 verkauften Karten in den Jahren 1990 und 2000.

Bei diesen beiden Aufführungen wurde Jesus von Nazareth von ihrem Mann Heribert Knecht gespielt. Der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit lebt buchstäblich für die Freilichtbühne – und ganz in ihrer Nähe. Nur ein paar hundert Meter sind es vom Haus der Familie Knecht zum Bühnenkomplex. Und das ist auch gut so. Denn nicht nur der 59-Jährige ist als Josef von Arimatäa mit dabei, auch seine Frau als Tempeldienerin sowie der jüngste Sohn als Jünger Thomas.

Seit Januar haben sie mit den rund 120 anderen Schauspielern – zuletzt vier bis fünf mal pro Woche – in den Kulissen geprobt. „Die wurden wie alles andere auch in ehrenamtlicher Arbeit hergestellt“, verweist Knecht auf unzählige Samstagnachmittage, an denen die Tempelfassaden, der Grabstein und die Häuserfronten „zusammengezimmert“ wurden. „Komplett ehrenamtlich!“, betont der leidenschaftliche Theaterfreund noch einmal den besonderen Einsatz der rund 150 beteiligten Hallenberger.

Bezahlt wird lediglich die Regisseurin, die wie üblich einen Saisonvertrag hat. Die diesjährige „Passion“ hat Birgit Simmler inszeniert, die Textfassung stammt seit 1980 von Wilhelm Wünnenberg. In diesem Jahr hat er sein Manuskript um einige Szenen erweitert, wodurch das Stück rund 20 Minuten länger geworden ist. Wichtig sind hierbei die Hinzunahme von Jesu Gespräch mit den Kindern und die Einladung an Zachäus für die Intention der Regisseurin: Das Menschliche von Jesus soll im Vordergrund stehen.

Um seine Leidensgeschichte dann auch ins rechte Licht zu rücken, trudeln am frühen Nachmittag die Leute von der Technik ein. Sie überprüfen noch einmal die Scheinwerfer, die Musikauswahl sowie die Funkmikrophone. 

Hinter der Bühne kümmert man sich in der Zwischenzeit um ganz besondere Schauspieler. Eine von ihnen heißt „Lotte“ und ist theatererfahren: Die weiße Stute spielte vor sechs Jahren schon das Pferd von Pippi Langstrumpf. In der „Passion“ reitet nun der römische Hauptmann auf ihr. Gespielt wird dieser von Hans Rübsam, der das Pferd gerade striegelt. „Lotte ist eine Leihgabe aus Elspe“, sagt er. Für die Zeit der Inszenierung steht sie auf der benachbarten Weide zusammen mit drei weiteren Pferden, zwei Ziegen und drei Eseln. Diese erfahren nebenan gerade ganz besondere Zuwendung: Sie werden abgesaugt. „Dann stauben sie nachher nicht so“, erklärt Anton Bilenheim ganz sachlich.

Genau wie Bilenheim und fast alle anderen Schauspieler hat sich auch Berthold Schäfer extra für das Stück einen Bart wachsen lassen. Der 64-Jährige spielt Johannes den Täufer im Vorspiel. Die Rolle habe es eben verlangt, erklärt er sein etwas buschiges Aussehen. Nach der letzten Aufführung im September darf dann seine „sehr verständnisvolle“ Frau Hand anlegen. Die ist nämlich Friseurin.

Jetzt kümmert sich aber erst mal Hiltrud Siepe um Berthold Schäfer. Mit gekonnten Handbewegungen zieht sie ihm schwarze Linien unter die Augen und pudert sein Gesicht ab. Zwei Minuten, fertig ist die „Maske“. Länger dürfe das Prozedere bei 126 Rollen auch nicht dauern.

Als nächstes nimmt Burkhard Hesse vor ihr Platz, ganz entspannt und freundlich lächelnd. Was nicht unbedingt selbstverständlich ist, schließlich gibt er gleich den Jesus in der dreistündigen „Passion“. Eine Traumrolle, für die der 32-jährige Bilanzbuchhalter einigen Aufwand in Kauf genommen hat. Denn seit fünf Jahren lebt der gebürtige Hallenberger im 50 Kilometer entfernten Meschede. „Doch bei der Passion wollte ich unbedingt wieder mit dabei sein“, sagt er. Und ergatterte die Hauptrolle. In letzter Zeit hieß es daher bis 16.30 Uhr arbeiten, schnell etwas essen, die 45 Minuten nach Hallenberg fahren, von 19 bis 22 Uhr proben und wieder zurück, schlafen, alles von vorn. „Aber das war es mir wert“, zeigt er sich überzeugt von seinem Engagement.

Während Burkhard Hesse nun in die Garderobe geht, um sich mit den anderen umzuziehen und sich dann noch einmal zu sammeln, füllt sich der Zuschauerraum mit Reisegruppen aus Pfarrgemeinden, Frauengemeinschaften, Seniorengruppen und privaten Besuchern. Als erste auf ihrem Platz war Anneliese Helmer aus Steinheim. Die 69-Jährige und ihr Mann machen wegen der „Passion“ Urlaub in Hallenberg, die hier seit dem „Heiligen Jahr“ 1950 alle zehn Jahre dargeboten wird. „Ich möchte sehen, wie Jesus wirklich gestorben ist“, erhofft sich die Rentnerin von dem Stück. Und das wird ihr auch geboten.

Nach einer kurzen Einführung von Schirmherr Weihbischof Matthias König führt die Freilichtbühne Hallenberg am Premierentag die Zuschauer zurück in die Zeit Jesu. In malerischer Kulisse, mit viel Aufwand und perfekt durchkomponierten Massenszenen erzählen die Schauspieler von Jesu Leben, Leid und Tod. Dabei wird das Menschliche seiner Person stark betont, wenn er etwa Maria Magdalena auf den Mund küsst, mit seinen Jüngern herumtollt oder herzzerreißend Abschied von seiner Mutter nimmt.

Und wenn dann am Ende des packenden Stücks bei der Kreuzigung tatsächlich ein Gewitter aufzieht und sich der Himmel verfinstert, dann scheint es, als hätte Gott persönlich eingegriffen, um einer ohnehin schon dramatischen und großartigen Aufführung den letzten Schliff zu geben: So war es wirklich.

 


24.05.2012
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