Aktuelle Ausgabe
2010-36

Seelsorgehelferin Charlotte Fiedler blickt zurück

99 Jahre lang von Gott geführt

Charlotte Fiedler hatte zeitlebens ein schwaches Herz und ist doch 99 Jahre alt geworden. Foto: Schleyer

Paderborn. Gott hat sie ein Leben lang begleitet und geführt; trotz aller Umwege.  Davon ist Charlotte Fiedler überzeugt. 99 Jahre alt wurde die ehemalige Seelsorgehelferin am 10. Februar.

von Richard Schleyer

Gott lockte sie auf ihren Weg. Geboren wurde Charlotte Fiedler in Breslau, tätig war sie in Cottbus, das zur Diözese Görlitz gehört. Und ihren Ruhestand verbringt die zierliche Dame seit 1974 in Paderborn, wo ihr das Bonifatiuswerk eine neue Heimat vermittelte.
Sie hatte so lange die Strapazen der Diasporaseelsorge in einem kommunistischen Regime ertragen. Da freute sie sich darauf, ihren Lebens-abend in einer tiefkatholischen Gegend zu verbringen. „Ich wollte einmal richtig ins katholische kulturelle und kirchliche Leben eintauchen.“ Diese Frau hatte ihre ganze Kraft und viel persönlichen Einsatz der Gemeindearbeit gewidmet. Sie hatte sich darum gemüht, dass die vertriebenen schlesischen und sudetendeutschen Katholiken in der DDR-Diaspora geistliche Heimat fanden, in ihrem Glauben nicht vereinzelt und isoliert blieben. Und jetzt wollte sie selbst das Gefühl haben, einmal ganz in ihrer katholischen Kirche daheim sein zu dürfen. In Paderborn konnte sie ohne Mühen und große Fahrerei die für sie so wichtige tägliche Messe besuchen. In der Nazi-Zeit hatte sie dafür berufliche Benachteiligungen in Kauf genommen, später sich bei Wind und Wetter auf ihr klappriges Fahrrad gesetzt, um den Tag in der eucharistischen Gemeinschaft mit Jesus Christus zu beginnen.
Charlotte Fiedler spricht sehr einfach und ohne großes Aufheben darüber. Sie hatte sich schon sehr früh für ein geistliches Leben entschieden, dafür, ihren Alltag Gott zu weihen. Missionarin wäre sie gerne geworden, machte als junges Mädchen bei den Steyler Missionsschwestern in Wien eine Lehrerin-Ausbildung. Doch dann schien dem Orden die Gesundheit des zarten Mädchens zu schwach. Sie wurde nicht aufgenommen. Ironie des Schicksals: Zeitlebens machte Charlotte Fiedler ihr krankes Herz zu schaffen, plagte sie ihre gebrechliche körperliche Konstitution. Doch aus ihrem Gottvertrauen und dem Verantwortungsgefühl für ihre seelsorgliche Mission erwuchs ihr eine Energie, die sie über die eigene schwache Gesundheit hinwegsehen half. Und so wurde sie 99 Jahre alt. Und hat an ihren Gott nur einen großen Wunsch: „Herrgott, du darfst mich ruhig zu dir holen. Aber so lange ich noch da bin, lasse mir jeden Tag die heilige Messe!“
Die tägliche heilige Messe, das war ihr roter Glaubensfaden durch das Leben. Seinerzeit hatten die Ordensoberen die junge Charlotte wieder zu ihren Eltern nach Breslau zurückgeschickt. Die dortigen Behörden hätten sie nur in den Schuldienst übernommen, wenn sie zuvor ein Umschulungslager besucht hätte. Dort wäre ihr Alltag nicht mehr geistlich, sondern von der Nazi-Ideologie geprägt gewesen. Sie lehnte ab, nahm in Breslau einen Bürojob an, wurde auch dort von den Nazis wieder verdrängt. Sie, die ausgebildete Lehrerin für Steno und Schreibmaschine, fand eine neue Stelle im Gesundheitsamt der Stadt Salzwedel in der Mark Brandenburg. Noch mehrmals musste sie wechseln, weil ihre konsequente Glaubenspraxis Anstoß erregte. Doch bevor sie sich auf eine neue Stelle bewarb, erkundigte sie sich erst genau, ob sie dort auch jeden Morgen ihre geliebte heilige Messe würde besuchen können. Seit 1939 in Cottbus, unterrichtete sie dort schließlich in der Berufsschule, weil viele Lehrer zur Wehrmacht eingezogen waren.
Als dann nach 1945 die große Vertriebenenwelle in Cottbus ankam, bat der dortige Pfarrer Charlotte Fiedler um Hilfe. Ob sie nicht ihre Landsleute religiös betreuen und in den vielen zur Pfarrei Cottbus gehörenden Dörfern für Gottesdienst und Kinderkatechese sorgen würde. Gehalt konnte ihr die Kirche allerdings keines zahlen. Also verdiente sich Charlotte Fiedler an zwei Tagen in der Woche ihren Lebensunterhalt mit Privatunterricht und arbeitete die restliche Zeit ehrenamtlich für die Kirche. Bis schließlich der Pfarrer ab 1947 durchsetzte, dass sie als Vollzeit-Seelsorgehelferin angestellt wurde; für weniger Geld als sie vorher zu Verfügung hatte.
Bei Wind und Wetter war sie nun jeden Tag manchmal bis zu 40 Kilometer mit dem Fahrrad unterwegs, später mit dem vom Bonifatiuswerk gestifteten Moped. Die Gesundheit litt, ihr angegriffenes Herz drohte zu versagen. „Nimm dich zusammen!“, so sagte sie sich. Sie wollte sich nicht krankschreiben lassen. Denn Krankgeschriebene durften damals laut DDR-Gesetz morgens nicht vor neun Uhr aus dem Haus. Dann könnte sie nicht mehr zur Messe gehen; und der einmal gefasste Lebensvorsatz der täglichen Eucharistie hielt sie aufrecht. „Der Herrgott wird dir nichts zuführen, das du nicht tragen kannst!“ Das war ihre feste Hoffnung. Und oft betete sie ihren Lieblingspsalm, den Psalm 91, der vom Schutz des Höchsten spricht, der den Gläubigen Zuflucht und Burg ist: „Denn der Herr ist deine Zuflucht, du hast dir den Höchsten als Schutz erwählt. Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt.“ Charlotte Fiedler erinnert sich, wie sie sich oft zu schwach fühlte, um ihre Aktentasche zu halten. Dann kamen ihr die Kinder zur Bus-haltestelle entgegengelaufen und trugen ihrer Katechetin die Tasche. Mit 48 Jahren wollten sie die Ärzte in Rente schicken; doch sie arbeitete weiter. Sie spürte ihre Verantwortung dafür, dass es in ihrer Gemeinde mit dem Glauben weitergeht, dass er an die Kinder weitergegeben wird. Nachdem sie mit 62 Jahren in den Ruhestand gegangen und nach Paderborn gezogen war, versammelte sie weiter Kinder um ihren Wohnzimmertisch, erteilte Erstkommunion- und Beichtunterricht, gab russlanddeutschen Kindern Nachhilfe; solange es ihre Gesundheit zuließ. Doch jetzt, mit 99, begnügt sie sich damit, für die Kirche zu beten.


09.09.2010
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