Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Sorge dich nicht – glaube!

Martin Assauer ist Pfarrer von St. Augustinus Dahlbruch (Keppel) und Leiter des Pastoralverbundes Nördliches Siegerland.

Der Glaube ignoriert nicht die Sorgen des Lebens. Vielmehr hilft er sie tragen und lösen. 

von Martin Assauer 

„Sorge dich nicht – lebe“, so behauptete ein Bestseller von Dale Carnegie, der in den 80er- und 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine hohe Auflagenzahl erreichte. Es scheint, dass Dale Carnegie mit diesem Buch und seinen einfachen, aber konkreten Anweisungen viele Menschen erreichte, die unter Sorgen und Zweifeln litten. Noch schlichter machte es sich der Sänger Bobby -McFerrin im Jahr 1988 als er sang: Don’t worry – be happy (dt: Sorge dich nicht, sei einfach glücklich). Zusammen mit einer eingängigen Melodie wurde das Lied ein Riesenerfolg: Auch hier scheint einer den Nerv der Zeit verstanden und getroffen zu haben.

Es gilt wohl nicht nur heute oder im ausgehenden 20. Jahrhundert: Das, was Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten beschäftigt und blockiert, sind Fragen, Sorgen und Zweifel. Fragen, ob das eigene Leben, so wie es geht, in die richtige Richtung läuft; warum gerade mir das Unglück zustößt; Sorgen, dass etwas schief gehen könnte, dass mich eine Krankheit oder ein Unglück trifft, dass ich in Anforderungen nicht bestehe. Und natürlich Zweifel: Ist das, was ich tue, richtig; glaube ich richtig; ja auch für Glaubende die Frage, ob Gott wirklich da ist und mein Leben trägt. Fragen, Sorgen und Zweifel gehören zum Leben: Glücklich, wer es schafft, sie als Herausforderungen zu verstehen; wer so fest gegründet ist, dass sie ihn nicht umwerfen, sondern sogar stärker machen. Aber wehe, sie ziehen mich herab, lassen mich in Ängste verfallen, die mein Leben blockieren. Dann wünschte ich mir, ich könnte sie einfach wegsingen wie Bobby McFerrin oder sie weglesen durch die Lektüre von Dale Carnegie.

„Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, das ihr etwas anzuziehen habt.“ So sagt Jesus. Und am liebsten würde ich ihm zurufen: Du hast gut reden: Kennst du nicht unsere Sorgen, die kann man nicht einfach abstellen. So sehr ich mich auch anstrenge, weder das schlaue Buch, noch das heitere Lied, und auch nicht deine Anweisung befreien mich von meinen Sorgen. Geht Jesus also an der Wirklichkeit vorbei?

Jesus verweist zunächst auf die Natur: Auf die Vögel, die gut versorgt sind, weil „der himmlische Vater“ sie ernährt. Auf die Lilien, die prächtiger sind als Salomo, weil Gott sie bekleidet. Essen und Kleidung stehen hier stellvertretend für all die Sorgen, die Menschen sich machen. Für Jesus ist auch klar, dass wir Essen und Kleidung, und damit Sicherheit, brauchen. Wenn das Alltägliche fehlt oder nicht beschafft werden kann, weil zum Beispiel das Geld fehlt, dann führt das im letzten zur existentiellen Verunsicherung: Das aber ist nicht im Sinne Gottes: „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht“. 

Das Entscheidende für Jesus ist aber etwas anderes: „Euch muss es zuerst um sein (des Vaters) Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Für mich heißt das, dass die erste Stelle in meinen Leben Gott einzunehmen hat. Es geht also  nicht darum, die Sorgen wegzureden, zu ignorieren, wegzumeditieren. Aber das Vertrauen auf Gott, auf sein Reich, seinen Reichtum, den er mir schenkt, ist das Wichtigste. Dann bin ich der Beschenkte, dessen Reichtum Gott selbst ist. So rückt Jesus die Verhältnisse zurecht: Die Sorgen gelten, aber sie werden in Beziehung zu Gott gesetzt, das heißt ich kann mich um sie mühen, ohne dass sie mich erdrücken. Ich kann jetzt anders mit meinen Fragen, Zweifeln und Sorgen umgehen: Mit Gott in meinem Leben können sie mich nicht mehr bestimmen. Mit seiner Kraft kann ich mit ihnen leben und sie angehen. Ob das immer geht: Zugestanden: Nicht immer, aber immer wieder. Denn ich weiß jetzt: Im Vertrauen auf Gott zu leben ist mehr und besser als jede scheinbar einfache Lösung meiner Sorgen und gescheiter als das noch so heitere Lied: Don’t worry – sorge dich nicht – glaube und lebe dann!

 

 


24.05.2012
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