Aktuelle Ausgabe
2012-20

Deutschland schaut auf fünf Jahre Benedikt-Pontifikat

Sind wir noch Papst?

Stets im Fokus: Papst Benedikt XVI. Foto: KNA

Bonn (KNA). Dass der Prophet wenig gilt im eigenen Land – Papst Benedikt XVI. könnte sich an dieses Bibelwort erinnern, wenn er am 19. April sein fünfjähriges Amtsjubiläum feiert.

„Wir sind Papst“, hatte die „Bild“-Zeitung noch gejubelt, als der erste Papst aus Deutschland seit 482 Jahren am 19. April 2005 auf der Loggia von Sankt Peter erschien. Joseph Ratzinger, als oberster Glaubenshüter in der deutschen Presse auch schon mal als „Panzerkardinal“ und Großinquisitor charakterisiert, entwickelte plötzlich einen ganz eigenen Charme.
Fast ungebrochen war die Papst-Begeisterung auch noch, als Benedikt XVI. im August 2005 zum Weltjugendtag nach Köln kam. Im September 2006, beim Heimatbesuch in Bayern, war schon mehr Zurückhaltung spürbar. Freundliche Bilder von bayerischer Volksfrömmigkeit, mit Bruder Georg am Grab der Eltern, Kurzvisite im Geburtsort Marktl – was in Erinnerung blieb, war jedoch die Vorlesung in der Regensburger Universität, die in der islamischen Welt aufgrund von Missverständnissen Zorn und Gewalt auslöste.
Inzwischen ist das Verhältnis der Deutschen zum Papst deutlich abgekühlt. So sehr, dass der Kölner Kardinal Joachim Meisner sich für die Haltung seiner Landsleute schämt. „Der Papst wird hoch geachtet und geliebt in aller Welt. Und in Deutschland?“ fragte er in einem Interview. Er habe den Verdacht, dass sich jene Kreise wieder zu Wort meldeten, die auch dem Theologieprofessor und Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger widersprochen hätten.
Fest steht, dass die Sympathie deutscher Medien nachgelassen hat. Fest steht aber auch, dass der Papst aus Bayern besonders kontrovers beurteilt wird, wenn es um sensible Themen geht, die die deutsche Vergangenheit betreffen. Befremden löste etwa aus, dass Benedikt XVI. im Mai 2006 beim Besuch in Auschwitz zwar ergreifende Worte über den Holocaust fand, die Deutschen aber als ein von den Nazis verführtes Volk darstellte.
Zu einem Eklat kam es nach der Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel den Papst im Februar 2009 öffentlich aufforderte, seine Haltung zur Holocaust-Leugnung von Traditionalisten-Bischof Richard Williamson klarzustellen, zeigte sich, dass das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit immer noch auch als Deutscher gesehen wird und in Deutschland einer besonders kritischen Wahrnehmung unterliegt.
Die bekommt er auch im Zuge der Aufarbeitung vergangener Fälle von sexuellem Missbrauch zu spüren. Da der Papst selbst Erzbischof in München war, wo der Fall eines pädophilen Priesters bekannt wurde, den das Erzbistum seinerzeit nicht konsequent abschottete, wird Benedikt XVI. nun nicht mehr als einer gesehen, der unantastbar über den Vorfällen steht.
Kirchenkreise versichern, dass Benedikt XVI. die religiöse Entwicklung in seiner Heimat aufmerksam beobachtet. Umgekehrt haben die meisten deutschen Bischöfe, nicht zuletzt auch über den Papstsekretär Georg Gänswein, einen direkten Draht zum Vatikan. Zugleich weisen Beobachter aber darauf hin, dass sich die Präsenz der Deutschen im Vatikan im Vergleich zur Amtszeit von Johannes Paul II. keinesfalls verstärkt habe. Der Papst hat die Weltkirche im Blick. Die deutsche Perspektive ist da nur ein Aspekt.


24.05.2012
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